Freitag, 11. Dezember 2015

39. Kapitel



Schaf fand ich diese Nacht viel. Naja, viele Schafe, aber keinen Schlaf zumindest. Da wir gerade erst Essen bekommen hatten, vermutete ich, dass es eine Weile dauern würde bis wieder jemand auftauchte. Also nutzte ich die Zeit, um das Loch in der Wand zu vergrößern.
Nacheinander kamen alle im Schafzimmer eingesperrten Schafe zu mir herüber und ließen sich von mir die Nase kraulen. Sehr geholfen hatte es, als ich das Lichtschaf gefunden hatte. Beim Kraulen hatte es sofort angefangen zu leuchten, was es etwas einfacher machte den Mörtel wegzukratzen.
Auch Blue hatte weiter an seinem Loch in der Wand gearbeitet, hatte allerdings versucht seine Bemühungen nach unten zu richten, um ein Loch unter der Pritsche zu schaffen. Das würde vermutlich weniger auffällig werden als das Loch direkt gegenüber von der Zellentür, mit dem ich beschäftigt war. Bisher wusste ich noch nicht wie ich das verstecken würde.
Nur mähsam gelang es mir das Loch so weit zu vergrößern, dass ich endlich hindurchkriechen konnte. Mähsam vor allem, weil ich zwischendurch immer wieder die Schafe kraulen mussten, da sie sonst anfingen einen riesigen Lärm zu veranstalten. Vermutlich waren sie einfach froh, dass sie endlich jemanden gefunden hatten, der sie streichelte, aber meine Arbeit machte das nicht gerade leichter. Ganz zu schweigen davon, dass ich immer müder wurde. Zu nachtschafender Zeit wollten sowohl mein Kopf als auch mein Körper nur noch schlafen.
Von diesen ganzen Schafen würde ich Schafstörungen und Schlafstörungen bekommen, wenn das so weiterging.
„Hey, Lichtschaf, komm doch mal her“, flüsterte ich das nun ziemlich große Loch.
„Määähh“, machte Lichtschaf und streckte seinen Kopf durch die Öffnung.
Ich begann seine Nase zu kraulen und es schloss genüsslich die Augen. Gleichzeitig begann sein weißes Fell zu leuchten. Ich schob es ein Stück zurück und begann durch das Loch zu steigen.
„Blue, ich schaue mich mal im Schafzimmer um“, meinte ich in Richtung der anderen Zelle.
„Ich bin auch fast durch“, sagte der. „Ich komme nach.“
Das Kratzen von Stein auf Mörtel unter meiner Pritsche ging weiter und ich wandte mich wieder dem Schafzimmer zu. Die Schafe machten mir Platz und bald fand ich mich in der Mitte einer recht großen Zelle wieder.
„Oh je…“
Es waren noch mehr Schafe als ich gedacht hatte. Wesentlich mehr. Das Zimmer war viel mehr eine Halle und es gab Wolle so weit das Auge reichte. Da ich bisher nur die Nasen gesehen hatte, konnte ich erst jetzt erkennen wie viele verschiedene Schafe es hier gab.
Da war zum Beispiel das Anhängerschaf – oder mehrere, um genau zu sein. Sie folgten einem anderen Schaf, das mit hoch erhobenem Kopf durch den Raum schafwandelte und das ich für das Weltherrschaf hielt.
Neben der Zellentür auf der anderen Seite des riesigen Zimmers stand Alarmbereitschaf. Es hatte eine Sirene auf dem Kopf und war anscheinend bereit Alarm zu schlagen sobald sich jemand der Tür näherte. Das könnte noch praktisch werden.
Ein anderes Schaf durchstreifte ununterbrochen den Raum. Nie blieb es lange in einer Ecke. Es schien von allen am meisten darunter zu leiden hier eingesperrt zu sein. Das musste dann wohl ein Wanderschaf sein. In einer anderen Ecke kauerte ein Landschaf. War das das Gegenstück zum Wasserschaf? Wenn ja, war sein Gegenstück anscheinend nicht hier. Oder es wurde in einem speziellen Aquarium gehalten.
Auch ein Lanschaf fand ich, doch das konnte ich leider nicht mit dem Internet verbinden, egal wie sehr ich versuchte auf den in seinem Fell eingearbeiteten Knöpfen herumzudrücken. Vermutlich hatten die hier einfach kein Netz.
Freundlich aufgenommen wurde ich von mehreren Gastfreundschafen. Sie drängten sich um mich und schoben mir sogar ein wenig Heu hin, das sie vom anderen Ende des Raumes geholt hatten. Das lehnte ich natürlich dankend ab, aber der Gedanke zählte.
Etwas seltsamer – oder noch seltsamer – waren die Gelschafe. Sie hatten die Konsistenz von Wackelpudding und wie sie es schaften in einem Stück zu bleiben war mir ein einziges Rätsel. Sie waberten vor sich hin und hinterließen teilweise seltsame Schleimspuren.
Dann gab es noch das Herzschaf, das ein kleines Herzchen auf dem Hintern hatte, ein Schwangerschaf, das mich mit treuen Augen anblickte, ein Wissenschaf, das sehr intelligent dreinschaute und mit den Hufen irgendwelchen Formeln in den Staub kratzte, ein Winterschaf, unter dessen Hufen sich Frost bildete, sowie ein Mitleidenschaf, das bedrückt an einer Wand hockte. Außerdem gab es Schafschützen, die sich an strategisch wichtigen Positionen im Raum verteilt hatten. Vielleicht könnte man mit denen noch was anfangen?
Ansonsten gab es jede Menge Kollateralschafe. Die meisten von ihnen standen einfach nur in der Gegend herum und kauten auf Heu. Ob sie einfach die Hoffnung verloren hatten, oder ob es sich um fälschlich für Freundschafe gehaltene ganz normale Schafe handelte, konnte ich nicht sagen.
„Hey, Mia. Da bin ich.“
Blue stieg durch das Loch hinter mir. Ich kraulte Lichtschaf, das mir gefolgt war, und erleuchtete somit den Raum um mich herum. Blue stieß einen Laut des Erstaunens aus.
„Kein Wunder, dass wir keine Verwandtschaf von Freundschaf finden konnten. Die sind alle hier!“
Er begann ebenfalls ein Schaf zu kraulen, das ein zufriedenes „Mähhh“ hören ließ. Ein paar andere begannen nun sich auch um ihn zu drängen, in der Hoffnung, dass sie als nächstes Streicheleinheiten bekommen würden. Da hatten wir was angefangen…
„Wir müssen hier raus. Und die müssen wir auch alle befreien“, meinte Blue. „Wenn die auch alle immun gegen den Großen Roten Knopf des Verderbens sind, dann haben wir das Problem des NaNo-Landes auf jeden Fall gelöst.“
Da vergaß er leider etwas. Sowohl – oder sollte ich lieber sagen sowoll? Bei der ganzen Wolle hier wäre das vertretbar – wir als auch die Schafe saßen in diesem verrückten Gefängnis fest.
„Määähh“, machte Lichtschaf und als ich ihm die Nase kraulte, wurde es wieder heller im Raum.
Lichtschafs Licht fiel auf die ganze Herde von Kollateralschafen, Gastfreundschafen, die Schafschützen, das Alarmbereitschaf und das Weltherrschaf und seine Anhängerschafe. Wanderschaf zog immer noch von einer Ecke des Raumes in die nächste, gefolgt von Landschaf, das anscheinend Gefallen daran gefunden hatte.
„Was ist, wenn wir die Schafe helfen lassen?“, fragte ich mich.
„Häh?“
Blue steckte seinen Kopf aus einem Haufen Wolle hervor. Er war von Schafen umzingelt und kam mit dem Streicheln gar nicht mehr hinterher. Es sah aus als würde er im Zentrum eines riesigen Wollmonds sitzen, da die Schafe wie in einem Kreis um ihn herumstanden. Blues Sorgen schienen sich in Wollwollen aufgelöst zu haben.
Ich konnte nur noch an Schaf denken. Naja, Schafe. Ein paar Stündchen Schaf und ich hätte vielleicht einen Plan auf die Beine – oder Hufe – gestellt. Ich brauchte nur eine ein bisschen längere Schafperiod, in der ich Zeit hatte mir die verschiedenen Schafe genauer anzusehen und mir überlegen konnte wie sie zu unserer Flucht beitragen konnten.
„Wir haben hier eine ganze Armee von Schafen, die alle sehr interessante Sachen machen können. Schau dir nur mal Lichtschaf an.“
„Määähh“, machte Lichtschaf und leuchtete ein wenig mehr.
„Oder das Alarmbereitschaf. Oder die Schafschützen. Oder das Winterschaf. Wenn alle ihre Talente richtig einsetzen, müssten wir es alle hier raus schafen.“
„Schaffen meinst du, oder?“, hakte Blue nach.
„Nein, schafen. Mit Hilfe von Schafen.“
„Mmh.“
Er schien noch nicht ganz überzeugt zu sein. Vielleicht war er aber auch von der Gruppe Kollateralschafe abgelenkt, die jetzt ihre Köpfe in seine Handflächen drückten und sich an ihn pressten.
„Mähhhhh!“, machte es neben mir und ich blickte auf das Wissenschaf, das wieder begann mit den Hufen in den Staub zu schreiben.
Immer schneller fuhren seine Füße über den Boden und ich zog Lichtschaf ein wenig näher, um das Geschreibsel besser begutachten zu können. Das sah fast nach dem Anfang eines Plans aus. Zusammen würde uns bestimmt was einfallen. Und Blue konnte sich währenddessen gerne um den Rest der Schafe kümmern. Dann ließen sie mich währenddessen wenigstens in Ruhe.
Jetzt mussten wir nur noch hoffen, dass niemand unsere Zellen kontrollieren würde. Das Loch in der Wand war ziemlich verdächtig, wie ich zugeben musste.
„Mäh-mäh-mäh-mäh-mäh-mäh…“, machte Alarmbereitschaf plötzlich.
Die Sirene auf seinem Rücken hatte begonnen rotes Licht auszuströmen und sich unaufhörlich zu drehen.
„Zurück in unsere Zellen!“, zischte ich Blue nur zu.
Der riss sich endlich von den Schafen los und verschwand durch das Loch in der Wand. Ich konnte nur mit Mühe folgen, denn die Schafe versuchten ihm hinterher zu laufen.
„Nein, ihr dürft noch nicht mit in meine Zelle“, versuchte ich ihnen zu erklären und drückte sie zurück ins Schafzimmer. „Aber wir kommen wieder, versprochen.“
„Määähh“, machte Lichtschaf traurig, zog aber endlich seinen Kopf zurück.
Ich begann so schnell wie möglich die Steine, die ich vorhin aus der Wand entfernt hatte, wieder übereinander zu stapeln, um das Loch zu verstecken. Man konnte allerdings immer noch erkennen, dass der Mörtel dazwischen fehlte, also setzte ich mich kurzerhand direkt vor den Teil der Wand, der besonders verdächtig aussah. Blue hatte es etwas leichter. Er musste nur den einen Stein ersetzen, den er über meine Pritsche entfernt hatte. Das Loch zu seiner Zelle war sowoll von meiner Seite, als auch von seiner Seite von unseren Pritschen verdeckt.
Schlürfende Schritte kamen den Gang entlang. Alle paar Meter schienen sie zu stoppen. Ich hörte wie etwas aufgeschlossen wurde, dann ein Schaben als ein Tablett aus einer Zelle gezogen und danach durch ein anderes ersetzt wurde. Danach wanderten die Schritte weiter und kamen Blues und meinem Zimmer immer näher.
Als ich endlich einen Blick auf unseren Gefängniswächter erhaschte, war ich beinahe enttäuscht. Es war die Frau, die wir schon auf der Straße gesehen hatten. Sie bedachte mich nur mit einem verächtlichen Blick und ging dann zu Blues Zelle weiter. Der versuchte ein Gespräch mit ihr anzufangen, doch dieses Mal schien es nicht zu funktionieren. Dass sie ihm einmal Antworten gegeben hatte, schien ihr zu reichen.
„Was für eine Schreckschraube“, murmelte er durch die Wand sobald sie verschwunden war.
„Hey, komm wieder mit ins Schafzimmer. Wissenschaf und ich haben uns da was ausgedacht“, meinte ich nur.
Er war schon halb durch das Loch in der Wand zu meiner Zelle geklettert, da kehrten die Schritte zurück, begleitet von einer laut protestierenden Stimme.
„Aber ich bin wirklich der Prinz der Fantasy-Gegend! Lassen Sie mich sofort los!“
„Oh nein.“ Ich hatte sofort Hannes‘ Stimme erkannt.
Momentan war ich mir nicht sicher, ob das bedeutete unser nicht einmal umgesetzter Plan war bereits zum Scheitern verurteilt.

„Lassen Sie ihn sofort los!“
Ich hörte mich schreien bevor ich mich dazu entschlossen hatte etwas zu sagen. Die Frau blieb direkt vor meiner Zelle stehen. In der Hand hielt sie einen zappelnden kleinen Frosch.
Die Frau war recht unscheinbar. Mittelgroß, mittelschlank, Haare, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie dunkelblond oder hellbraun sein wollten, nichtssagende Klamotten, ein nichtssagendes Gesicht. Sogar ihre Mimik war eher erstaunt, als wäre ihr nur gerade ein Blatt vom Wind ins Gesicht geweht worden.
„Dann gehört der also auch zu eurer seltsamen Truppe“, mutmaßte sie und schüttelte geistesabwesend Hannes.
„Warum tun Sie das?“ Ich vergaß, dass ich eigentlich die mörtellose Rückwand verdecken wollte und ging bis an die Gitterstäbe vor. „Was haben Sie davon uns hier einzusperren. Lassen Sie uns gehen.“
Die Frau schnaubte. „Ihr verunstaltet das schöne Land und ich soll euch einfach gehen lassen? Das kommt gar nicht in Frage. All diese seltsamen Gestalten… all die verzauberten, sprechenden Viecher…“ Sie schüttelte Hannes erneut; mittlerweile hatte ich Angst sie hatte ihn schon zu Tode geschüttelt. „Diese… Overachiever, die sich nicht einmal die Zeit nehmen eine vernünftige Geschichte zu schreiben, sondern das Schreiben zu etwas verkommen lassen, bei dem es nie um Qualität geht…“
War das nicht gerade der Sinn des NaNo? Sich nur einen Monat die Freiheit zu nehmen nicht auf jeden Fehler, auf jeden etwas seltsam gestalteten Satz zu achten, sondern einfach zu schreiben, was einem auf der Seele lag? Ich hatte zwar erst einmal mitgemacht, aber so viel hatte sogar ich davon verstanden.
„Was machen Sie im NaNo-Land, wenn Sie so denken?“
„NaNo-Land? Schätzchen, das existiert hier nicht wirklich. Hier ist das Loch, in das alles fällt, was vergessen wird oder vergessen werden soll. Plotbunnys, die niemals fertig geschrieben wurden und halb durchsichtig vor sich hin vegetieren. Charaktere, die einmal aufgetaucht und dann nie wieder eingebaut wurden. Hier landet alles, was seine Kreativität eingebüßt hat.“
So etwas Ähnliches hatte Blue erwähnt. Das hier war dann wohl so etwas wie ein einziges, riesiges Motivationsloch. Ob Steph gerade in einem steckte? Ob wir deshalb hier gelandet waren?
„Aber warum bringen Sie dann Leute hierher, die nicht vergessen wurden?“
„Damit ihr vergessen werdet, natürlich“, erklärte sie als sei es das vernünftigste Argument der Welt. „Und jetzt entschuldige mich. Ich muss einen Frosch entsorgen.“
„Nein!“
Doch die Schritte entfernten sich bereits und nur das Echo der Sohlen auf dem Steinboden blieb uns eine Weile erhalten.
Ein scharrendes Geräusch, dann erklang Blues Stimme aus dem Loch über meiner Pritsche, das wieder geöffnet war. „Wie hat sie Hannes bloß fangen können? Nachdem wir entführt wurden, müssten die anderen doch vorsichtiger gewesen sein…“
„Sie hat entsorgen gesagt!“ Meine Stimme klang so erstickt, dass ich tief Luft holte bevor ich daran dachte weiterzusprechen. „Sie hat…“
„Schhh… ganz ruhig. Sie wird ihn nicht umbringen.“
„Ach nein? Was macht dich so sicher?“ Ich ließ mich auf meinem Bett nieder, sodass das Loch auf Augenhöhe war und ich Blues blaue Augen sehen konnte.
„Sie hat uns am Leben gelassen. Sie hat die Freundschafe am Leben gelassen. Warum sollte das ausgerechnet bei Hannes anders laufen? Überleg mal.“ Er lächelte mich durch das Loch beruhigend an.
Ich sagte nichts und hoffte nur, dass Blue Recht behalten würde. Etwas dagegen tun konnte ich gerade sowieso nicht. Also rollte ich mich auf dem dürftigen Bett zusammen und versuchte die Kälte des Steins aus meinen Knochen zu vertreiben. Wie hatten es die Freundschafe nur so lange hier ausgehalten?

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Warum es heute kein Kapitel gibt...

1. Grund: Ich bin hundemüde.
2. Grund: Ich bin immer noch hundemüde.
3. Grund: Ich muss ab jetzt die Kapitel neu schreiben, weil alle, die ich im November geschrieben habe, aufgebraucht sind.
4. Grund: Ich bin vorgestern aus England nach Deutschland gekommen, dann eine Nacht zu Hause geblieben und dann weiter zu einer Weihnachtsfeier gefahren.
5. Ich bin immer noch hundemüde.

Kapitel gibt's wieder, wenn ich ein bisschen ausgeschlafen habe und zu Hause bin - und Ruhe zum Schreiben habe. ^^

Dienstag, 8. Dezember 2015

Fakir Ferkehr

Hier das Bild auf das ihr alle gewartet habt! xD


38. Kapitel



Der Gang schien endlos. Ab und zu waren an den Wänden Lampen angebracht, kleine Männchen auf grünen Schildern, die Türen entgegen liefen, wie Notausgangszeichen. Wozu war das Ding hier normalerweise gut? Bestimmt nicht nur, um einem Pub Brawl zu entkommen.
Zum Glück hörte auch dieser Tunnel irgendwann auf und spuckte uns zurück ans Tageslicht. Reichlich verwirrt verließen wir den Untergrund über eine einsame Telefonzelle neben einer stark befahrenen Straße. Eine sehr enge Wendeltreppe hatte immer weiter nach oben geführt, bis wir schließlich etwas aufgeklappt hatten, das wir für eine Luke gehalten hatten, was sich aber als der Boden einer Telefonzelle herausgestellt hatte.
Zum Glück hatte heutzutage fast jeder ein Handy (oder eine Gedankenspinne) und wir hatten niemanden bei seinem Telefongespräch überrascht. Das wäre unschön geworden.
„Na super. Und wo sind wir jetzt?“, grummelte Blue. ni_in
Die Krabbe auf seiner Schulter meldete sich auch wieder. Beim Kampf war sie anscheinend zu ängstlich gewesen, um Grimassen zu ziehen und hatte sich nur an seine Robbe geklammert.
Wir teilten uns auf, um Anhaltspunkte zu finden und Leute zu befragen. Oma ging in die eine Richtung, Phoenix zusammen mit Freundschaf, das Hannes auf dem Rücken trug in eine andere und Blue und ich gingen in die andere.
„Entschuldigung…“, versuchte ich es beim ersten Passanten, doch die Frau lächelte mir nur entschuldigend zu und hastete weiter. Vermutlich hatte sie es eilig.
Blue lehnte, statt zu helfen, mit verschränkten Armen an der Telefonzelle, durch die wir eben nach draußen gekommen waren. Missmutig zupfte er an seiner Krabbe herum, die sich jedoch nicht von seiner Robbe losmachen ließ. Es sah so aus als würde er eine Weile mit ihr auskommen müssen.
„Hilf gefälligst mit“, fauchte ich ihn an.
„Mir geht’s gerade ziemlich dreckig. Wegen dieses bescheuerten Liebestrankes.“
„Den du unbedingt trinken musstest – weil du ja alles isst und trinkst, was dir vor die Nase kommt. Daran solltest du vielleicht arbeiten“, meinte ich nur.
„Nein, nur weil du unbedingt versuchen wolltest Hannes zurück in einen Menschen zu verwandeln. Und deshalb habe ich mich die letzten Tage über aufgeführt wie ein liebeskranker Volltrottel. So eine beknackte Idee…“
Ganz offensichtlich hatte der Trank aufgehört zu wirken. Momentan war mir der verliebte Blue fast lieber als der Griesgram, der jetzt vor mir stand. Obwohl er oft sehr negativ sein konnte, war das hier ein neues Tief. Und auch wenn das Teil der Wirkung des Trankes war, konnte ich das einfach nicht auf sich beruhen lassen.
„Hey, wenn du in einen Frosch verwandelt wärst, würde ich auch versuchen dich zurückzuküssen!“
Er hob nur eine Augenbraue und ich verdaute was ich gerade gesagt hatte. Ups. Da bestand definitiv die Möglichkeit, dass das falsch ankam.
„Weil ich versuche meinen Freunden zu helfen“, fuhr ich deshalb fort. „Das machen Freunde so.“
„Freunde küssen ihre Freunde?“ Immerhin sah er jetzt eher amüsiert als genervt aus.
„Wenn sie in Frösche verwandelt wurden, warum nicht? Vielleicht funktioniert’s ja.“ Unweigerlich musste ich auch grinsen. „Hey, das kannst du doch in deine nächste NaNo-Geschichte einbauen!“, meinte ich nur.
„Eigentlich hatte ich schon etwas anderes im Kopft…“
„Ach was. Du schreibst doch sowieso immer hunderttausende Wörter mehr als du eigentlich müsstest. Und mehrere Geschichten noch dazu. Eine mehr oder weniger macht da doch keinen großen Unterschied“, neckte ich.
„Versorg mich bloß nicht mit noch einem Plotbunny. Die Viecher belagern mich eh schon zu hunderten!“
Der alte Blue war wieder da. Endlich. Weder komplett miesepetrig, noch bis über beide Ohren in mich verliebt. Immer noch nervig, aber daran war ich ja mittlerweile gewöhnt. Vielleicht hatte er aus dem Vorfall sogar eine Lektion gelernt – nämlich nicht mehr alles zu essen, egal wo er es fand. Oder auch nicht. Wir sprachen immerhin von Blue.
„Na los, fragen wir weiter Passanten, um herauszufinden wo genau wir sind“, meinte ich und wandte mich einer Frau zu, die neben der Telefonzelle stehen geblieben war.
„Entschuldigung, aber können Sie uns vielleicht sagen wo genau wir hier sind? Wir haben uns verlaufen…“, sagte ich.
„Ist der da ein Overachiever?“, fragte sie plötzlich.
„Äh…“ Da hatte wohl jemand unsere Unterhaltung belauscht. „Ja… wieso?“
Ich hörte nur noch das Geräusch von Blues Schwert als er es zog, den Aufschrei meiner Oma aus weiter Ferne und dann wurde die Welt um mich herum schwarz.

Mein Kopf dröhnte, in meinen Ohren war ein Rauschen, das sich ein wenig anhörte wie eine Blaskapelle, deren Unstrumente von einer Herde Elefanten überrant worden waren – und so eben zu Unstrumenten, unstimmigen Instrumenten, geworden waren – und irgendetwas zupfte ununterbrochen an meinem Arm.
„Mia, psscht.“
War das Blues Stimme? Als ich versuchte weiter darüber nachzudenken, begann mein Kopf wieder zu schmerzen. Das schien von einer Beule an der Seite meines Schädels auszugehen.
„Mia, wach auf.“ Das Zupfen an meinem Arm wurde stärker.
Es hörte erst auf als ich stöhnte, meine Augen öffnete und versuchte mich aufzusetzen – nur um sofort wieder zurückzusinken, weil die Welt auf einmal anfing zu pulsieren. Irgendjemand hatte einen guten Job dabei getan mich bewusstlos zu schlagen. Aber Blue war auch da gewesen. Und Phoenix und Oma waren nur einen Steinwurf entfernt gewesen. Vermutlich lag ich nur auf der Straße und die seltsame Frau war längst über alle Berge.
Allerdings schien mein Gehirn langsam mit dem Rest meines Körpers aufzuschließen, denn ich erinnerte mich daran was ich in der Sekunde gesehen hatte, in der ich die Augen geöffnet hatte. Der Schock reichte, um mich doch noch in die Senkrechte zu befördern.
Oh Shit.
Das erste, was ich sah, war die vergitterte Tür vor mir. Ein Stuhl stand in einer Ecke des Zimmer, direkt unter dem vergitterten Fenster. Ich selbst lag auf einer steinharten Pritsche. Das, was mich am Ärmel gezupft hatte, war Blues Hand, die er offensichtlich durch eine Lücke im Mauerwerk gestreckt hatte.
„Blue?“
„Hier. Die Steine waren ein wenig lose und ich konnte einen lockern und rausnehmen. Aber leider funktioniert das nur zu deiner Zelle. Die Wände nach draußen sind undurchdringbar.“
„Häh? Zelle?“
Jap, ich befand mich eindeutig in einer Zelle. Aber warum? Und, noch wichtiger, wie zum Teufel kamen wir hier wieder raus?
„Ja. Diese Frau hat sie nicht mehr alle“, bestätigte Blue meine Vermutung.
„Warum genau sind wir hier? Und wo ist hier?“
„Ihre Gründe sind offensichtlich weil ich ein Overachiever bin und du einen Frosch geküsst hast. Sie versucht das NaNo-Land von seltsamen Vorkommnissen zu befreien und wir gehören offensichtlich dazu. Jedenfalls hat sie mir einen ellenlangen Vortrag darüber gehalten, als sie uns Essen vorbeigebracht hat“, meinte er.
Tatsächlich sah ich jetzt direkt vor der Tür ein Tablett mit Essen stehen. Ein Sandwich und eine Flasche Wasser. Das war wohl besser als nichts.
„Wie lange will sie uns hier drin behalten?“
Ich begann mich über das Sandwich herzumachen. Man, hatte ich einen Hunger. Und Durst auch. Vielleicht fragte ich lieber nicht wie lange genau ich ohnmächtig gewesen war. Allerdings war ich nicht hungrig genug, um die Sandwitches nicht zu vermissen, die wir bei Roberot bekommen hatten. Das waren bessere Tage gewesen.
„Ich weiß es nicht. Aber meine Vermutung ist: lange“, meinte Blue.
Das hatte ich befürchtet. Hoffentlich würden Oma, Phoenix und Hannes alle Hebel in Bewegung setzen, um uns hier rauszubekommen.
„Was ist das nur für ein Ort?“, wunderte ich mich wieder. Die Argumente der Frau konnte ich nämlich nicht ganz nachvollziehen.
„Sie hat ein paar Kommentare fallen gelassen, die mich auf eine Idee gebracht haben. Das hier ist der Sammelpunkt aller Zweifel. Alle Zweifel, die Wrimos selbst haben, wenn sie schreiben. Alle Zweifel, die ihr Umfeld hat, wenn sie sich im November komplett abkapseln. Und das alles konzentriert sich hier und wird zu einem Gefängnis, das alles Seltsame abschaffen will. Wenn du genauer darüber nachdenkst, würden die meisten Leute den NaNo an sich für seltsam halten.“
Die Theorie hörte sich ein wenig an, als wäre sie an den Fingern herbeigezogen. Allerdings hatte sie einen wahren Kern. Jetzt, wo mein Kopf mir nicht mehr dazwischenfunkte und auch mein Bauch ruhig gestellt war, bemerkte ich erst die Atmosphäre des Ortes. Es war absolut tödlich für jede Art von Kreativität. Dieses ganze Gefängnis kam mir wie ein einziges Motivationsloch vor.
„Wir müssen hier raus“, entschied ich.
„Leichter gesagt als getan. Diese Zelle ist eine der am strengsten bewachtetsten Zellen“, sagte Blue.
„Bewachtetsten…?“
„Immer wenn unsere Autorin übertreiben will, fängt sie an, nicht nur Adjektive, sondern auch Verben zu steigern, denn so machtesten es die besten Autoren nun mal“, meinte Blue. „Das macht Steph schon die ganze Zeit. Als würde sie sich über uns lustig machen.“
„Steph! Hol uns sofort hier raus!“, beschwerte ich mich.
„Das bringt nichts.“ Blue hatte seine Hand zurückgezogen und ich legte mich nun wieder auf die Pritsche. Das Loch in der Wand war etwa in Kopfhöhe und ein Paar blauer Augen blinzelte mir entgegen. „Das habe ich auch schon versucht.“
Wahrscheinlich war sie nicht gut auf uns zu sprechen. Wenn sie uns in ein Motivationsloch gesteckt hatte, steckte sie vielleicht selbst in einem und wollte sich so an uns rächen. Wenn man es von der Seite betrachtete, war es recht clever – auch wenn es immer noch sehr nervig für uns war. Und antworten könnte sie auch mal, wenn man sie darum bat.
„Steph!“, versuchte ich es wieder.
„Das bringt doch nichts, Mia“, seufzte Blue. „Wir müssen uns selbst helfen. Versuch mal, ob bei dir auch ein paar Steine locker sind.“
Ich nickte ihm zu und wandte dem Loch in der Wand den Rücken zu. Dann begann ich systematisch den Rest meiner Zelle abzusuchen. An einigen Stellen war der Mörtel zwar lose, doch an der Wand, die zwischen Zelle und Gang war, konnte ich keine Schwachstelle entdecken. Dafür bemerkte ich eine Schwachstelle an der gegenüberliegenden Seite.
Mit einem Stück Stein begann ich den Mörtel wegzukratzen. Wie hatte Blue das jemals geschafft? Das dauerte ewig! Was mich wieder überlegen ließ wie lange ich k.o. gewesen war. Zum Glück lenkte Blue mich ab, indem er mich mit allem möglichen Zeug vollquatschte. Er erzählte von seinem Studium, von dem er bisher nicht so viel berichtet hatte, von den Geschichten, die er im November geschrieben hatte, von denen ich während unzähliger Schreibtreffen schon einige Details kannte und von seiner Familie.
„Aha!“, unterbrach ich ihn schließlich.
„Bist du durch?“, fragte Blue und sein Auge erschiend wieder in der Lücke der Wand.
„Ich glaube schon…“
Meine Fingernägel brachen fast als ich versuchte den Stein zu greifen, doch schließlich schaffte ich es ihn aus der Wand zu entfernen. Ich presste mein Auge gegen die Wand und versuchte zu erkennen, ob ich einen Weg nach draußen gefunden hatte.
Der Raum dahinter war in Dämmerlicht getaucht. Weit oben erkannte ich ein vergittertes Fenster und mein Herz sank. Ich war nur in einer weiteren Zelle gelandet. Hier würden wir nicht rauskommen.
„Määh“, machte es plötzlich und vor Schreck fiel ich hintenüber.
„Freundschaf? Bist das du?“
Oh bitte nicht. Das verdiente es nun wirklich nicht. Dass Blue und ich hier festsaßen reichte völlig.
„Määh“, machte es wieder.
„Mähh.“
„Mmmäh.“
„Määääh.“
Das hörte sich an wie die Stimme von verschiedenen Schafen. Und sie waren alle nicht Freundschaf. Ich presste mein Gesicht wieder gegen die Wand und versuchte mehr zu erkennen. Das wenige Licht, das durch das Fenster fiel, beleuchtete einen Raum, der aussah als wäre er mit Watte gefüllt.
„Du, Blue…“
„Hast du einen Ausgang gefunden?“, fragte er mit eindeutiger Hoffnung in der Stimme.
„Nein. Aber ich glaube wir haben gerade die Freundschafe gefunden.“
Das brachte ihn zum Schweigen. Mich auch, um ehrlich zu sein. Denn zwar hatten wir das Ziel unserer Mission erreicht, aber waren so weit entfernt davon das NaNo-Land zu retten wie man nur sein konnte. Denn statt die Freundschafe zu retten, saßen wir anscheinend im gleichen Gefängnis fest.
Na super.

37. Kapitel



Blues Zweifel waren unberechtigt. Es funktionierte mehr als gut. Die MLs aus dieser Region waren genauso nett wie die aus unserer und versprachen sofort alles ihnen Mögliche zu tun, um uns dabei zu helfen die Verwandtschaf von Freundschaf zu finden. Leider hatten sie noch nie von einem Gefängnis für Freundschafe gehört. Dafür besorgten sie uns eine Unterkunft – wieder mal ein Hostel. Die waren wir ja mittlerweile gewöhnt.
Zuerst hatten die MLs angeboten uns in einem großen, teuren Hotel unterzubringen, aber alle (außer Blue) hatten sofort protestiert und gemeint eine günstigere Unterkunft wäre mehr als in Ordnung. Wenn unser Aufenthalt hier auch nur annähernd so lief wie sonst auch, würden wir sowieso nicht lange bleiben.
Außerdem hatten sie angeboten uns Karten für das Ballett der Wiener Staatsopfer zu besorgen, doch wir wollten unsere Zeit lieber damit verbringen die Freundschafe zu suchen. Auch wenn sich das sehr… interessant anhörte. Wenn auch besorgniserregend.
Immerhin bekam Blue endlich etwas zu essen, was seine Laune ein wenig verbesserte. Wir hatten uns einen kleinen Pub gesucht, um dort etwas zu essen und saßen zusammen im Schankraum. Der Name des Pubs war „Skorion“ – was auch immer das zu bedeuten hatte. Vielleicht war es eine seltsame Art von Skorpion? Oder ein Sternzeichen? Was auch immer es war, das Essen war nicht schlecht.
Wir waren mit „bitte nehmen Sie hier Prost!“ begrüßt worden, was Blue besonders gefreut hat. Er hatte sofort ein Bier bestellt. Ich hatte mich mit einer kalten Kirschlimonate zufrieden gegeben. Das war ein Getränk, das aus Kirschen, Limetten und Tomaten gemacht war. Es schmeckte besser als es sich anhörte. Dann bestellten wir das Essen.
Zuerst hendelte es – was bedeutete, dass sowohl meine Oma als auch ich Hähnchen bekamen. Phoenix aß mitgebrachtes Gehirn-Substitut. Es sah recht unappetitlich aus, war aber besser als die Alternative. Blue bestellte sich zu seinem Bier Wurstsemmel. Es sah aus wie Semmeln belegt mit Wurst. Das war definitiv normaleres Essen als wir bisher gehabt hatten.
Hannes sah so aus als wollte er eine lästige Fliege versuchen, die schon seit geraumer Zeit um unseren Tisch flog und uns allen auf die Nerven ging. Als er schließlich seine Zunge vorschnellen ließ und die Fliege verschluckte, waren wir ehrlich gesagt alle recht erleichtert.
Zum Nachtisch bot uns der Kellner ein Stück Schokoloda an. Blue sah ihn nur etwas schokiert an, denn aus Versehen war der Kellner gestolpert und die Schokolade war in seinem Gesicht gelandet. Der Kellner schaute erschrocken in Richtung Kükentür. Das war die Tür zur Küche, die aus unerfindlichen Gründen die Form eines Kükens hatte.
„Oh mein Gott, das tut mir so leid!“, entschuldigte er sich sofort. „Bitte beschweren Sie sich nicht beim Küchenchef.“
Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihm das öfter passierte und er schon mehrmals Ärger deswegen gehabt hatte.
„Ihr könnte die Schokoloda auch umsonst haben“, bot er an.
„Da das Zeug sowieso über mein halbes Gesicht verteilt ist… warum nicht?“
Bedeutete das, dass Blues Laune sich hob? Oder, dass der Liebestrank noch wirkte? Vielleicht war er auch durch das gute Essen besänftigt. Der Kellner sah jedenfalls sehr erleichtert aus und ließ uns die Schokoloda da.
„Pub Brawl!!!“, schrie plötzlich jemand.
Ich duckte mich, als es wieder begann zu hendeln, dieses Mal weil jemand anfing mit seinem Essen zu werfen.
„Ahhh!“
Ich fand mich unter dem Tisch kauernd wieder, direkt neben Hannes. Über mir gab es ein seltsam dumpfes Geräusch und ich traute mich den Kopf über die Tischkante zu strecken. Meine Oma hatte ihren Regenschirm aufgespannt und das fliegende Hähnchen abgewehrt.
„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte ich.
Unsere ganze Gruppe hatte Schutz hinter dem Regenschirm gesucht, während die ungewöhnlichen Geschosse von ihm abprallten.
„Das ist ein Pub Brawl“, erklärte Phoenix. „Normalerweise wird das ab und zu im November veranstaltet. Jeder Teilnehmer schreibt 500 Wörter – aber nicht an seiner eigenen Geschichte, sondern an der eines anderen.“
„Aber… das könnte doch die ganze Geschichte durcheinander bringen!“, meint Blue entgeistert.
„Natürlich müssen die nicht weiterverwendet werden und es wird auch niemand zum Teilnehmen gezwungen - aber es kann sehr lustig sein“, meinte Phoenix.
„Warum kämpfen die Leute dann auf einmal und werfen Hähnchen, wenn es doch normalerweise ums Schreiben geht?“, wollte ich wissen.
Phoenix zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist das die Variante, die außerhalb vom NaNo veranstaltet wird?“
Ich zuckte zusammen als der Koch mit lautem Geschrei aus der Küche gestürmt kam, einen Kochlefel schwingend. Bevor er irgendjemandem einen Schlag damit versetzen konnte, wurde er jedoch von einem Einweghandschuah getroffen.
„Jo voi leiwand Seppl, a Schuach!“, schrie jemand vom anderen Ende des Raumes.
„Äh…“ Ich versuchte die Person ausfindig zu machen, aber vergeblich. „Was genau bedeutet das? Hatte das überhaupt etwas mit dem Kampf zu tun.“
Blue sah mich verwirrt an. Vermutlich hatte auch er keine Idee. So oder so, bevor wir weiter spekulieren konnten, begann eine Frau mit einer Handtasche auf Omas Regenschirm einzuschlagen.
Tatäschlich war es eine Tatasche. So eine hatte ich mir mal fast gekauft. Darin konnte man Taten oder sogar Tatsachen aufbewahren. Momentan war sie allerdings eher nervig, sodass meine Oma die Besitzerin mit einem Schlag des im Regenschirm enthaltenen Starbs schlafen schickte.
Ein Tastatier rannte vor unseren Füßen entlang. Es sah aus wie eine Tastatur, die man an ein Tablet oder sowas anschließen konnte und es zog ein langes USB-Kabel hinter sich her. Seine Tasten klapperten und eine Spur aus Buchstaben folgte ihm. Niemand sonst schien es zu beachten und es verschwand durch die Eingangstür.
„Äh…“ Dazu würde ich nichts weiter sagen.
Ablenkung kam sogleich in Form eines Mannes, der ebenfalls den aufgespannten rosa-geblümten Regenschirm erspäht hatte. Um ehrlich zu sein war der vermutlich schwer zu verfehlen.
Sobald er an unserem Tisch ankam begann er seine Gliedmaßen seltsam ruckartig zu bewegen. Ein Arm traf Freundschaf, das ein klägliches „Mäh!“ ausstieß und versuchte sich unter eine Sitzbank zu quetschen. Leider war es ein wenig zu füllig, sodass es aussah als hätte jemand versucht ein überdimensionales, sehr flauschiges Kissen zu verstauen.
„Das ist Krampfkunst - der neueste Schrei in Martial Arts“, erklärte Blue.
Was auch immer es war hatte keine Chance gegen meine Oma, die auch diesen Angreifer mit ihrem Schirm einen Schlag auf den Kopf verpasste. Sofort fiel er zu Boden. Dafür, dass er Freundschaf so erschreckt hatte, hoffte ich, dass er vom Aufprall ein paar blaue Flecken behalten würde.
„Das ist doch ein Schwert, oder?“, rief jemand anderes. „Lass uns kämpfen!“
Ein Mädchen hatte den Platz des nun schlummernden Mannes eingenommen. Es hatte ebenfalls ein Schwert an der Seite und ihre Hand befand sich am Knauf.
„Lass uns…“
Weiter kam sie nicht, denn auch sie wurde vom Regenschirm/Starb niedergestreckt. Wir konnten nur mit aufgerissenen Augen zusehen wie sich meine Oma den Weg durch den Raum bahnte und eine Person nach der anderen zu Boden ging. Manchmal vergaß ich wie mächtig ihr Regenschirm sein konnte, wenn sie es wollte.
Der Kellner, der als einziger nicht beim Kampf mitmachte, sondern sich hinter dem Tresen zusammengekauert hatte, wagte es den Kopf hervorzustrecken, sobald der Kampfeslärm etwas nachgelassen hatte. Beim Anblick meiner Oma schluckte er. Dann wanderte sein Blick über die schlafenden Leute unter denen auch der Koch war, immer noch den Löffel in der Hand haltend.
„Und ich muss das wieder aufräumen…“, seufzte er nur.
Er verschwand durch die Kükentür, nur um kurz danach mit einem Wischbären unter dem Arm wieder in den Gastraum zu kommen. Den setzte er in die Mitte des Raumes und schnappte sich dann einen Besen. Er begann das zerbrochene Geschirr, die geworfenen Hähnchen und alles andere zur Seite zu fegen, während der Wischbär sich um die Reste kümmerte und einen sauber gewischten Boden hinterließ.
„Ähm… entschuldigung…“, meinte Phoenix plötzlich. „Ich glaube die Eingangstür ist versperrt.“
Tatsächlich hatte es irgendjemand fertig gebracht ein Energiefeld vor die Eingangstür zu zaubern. Phoenix versuchte gerade hindurchzukommen, doch das Schild warf sie immer wieder zurück.
„Oh. Dann müsst ihr wohl warten. Das war vermutlich Amanda.“
Er deutete auf eine blonde Frau, die schnarchend über einem Tisch lag.
„Sie ist eine Magierin. Und eine ziemlich mächtige noch dazu. Das Ding hält vermutlich mehrere Stunden. Oder einen Tag. Wenn sie betrunken ist macht sie manchmal seltsame Dinge…“
Der Kellner widmete sich wieder dem Besen und dem Wischbären.
„So lange haben wir aber nicht! Wir müssen versuchen die Freundschafe zu finden!“, beschwerte sich Hannes.
Er hatte sich zusammen mit Freundschaf unter der Bank versteckt, was vermutlich besser für ihn war, wenn man es genau sah.
Der Kellner zuckte nur mit den Schultern und ignorierte uns. Zumindest bis meine Oma ihm den Regenschirm vor die Brust hielt.
„Junger Mann, es ist sehr unhöflich seine Gäste so zu behandeln. Es muss doch eine Hintertür geben!“, meinte sie.
Der Kellner schielte misstrauisch auf den Regenschirm. Dann blickte er zurück auf die ganzen Leute, die in der Kneipe verteilt lagen. Er schluckte und legte endlich den Besen zur Seite.
„K-keine H-hintertür. A-aber einen G-gang g-gibt es.“ Er deutete mit einem zitternden Arm auf die Kükentür. „Hinter d-dem Tiefkühl-s-schrank…“
„Danke.“ Meine Oma nahm den Schirm herunter und schritt würdevoll durch die Kükentür.
„Ist die immer so?“, fragte der Kellner.
„Nur wenn sie genervt ist“, meinte ich zwinkernd und folgte meiner Oma durch die Tür.
Diejenige, die den Kühlschrank verschob war allerdings Phoenix. Mit dem ganzen Essen drin war der ziemlich schwer, aber als Zombie stellte das kein Hindernis für unsere Freundin dar. Dahinter kam wirklich ein Tunnel zum Vorschein. Warum waren es immer Tunnel?
Meine Einschätzung musste ich bald zurücknehmen, denn der Tunnel weitete sich bis wir in einem Kellerraum standen. An den Wänden waren Regale aufgereiht, auf denen nebeneinander mehrere Hüte lagen.
„Huten Morgen“, meinte Blue.
„Was?“ Ich sah ihn verwirrt an.
Er deutete nur auf das Schild, das er gerade vorgelesen hatte. Es prangte über einem der Regale. Am anderen Ende lief der Raum wieder spitz zu. Der Keller der Hüte entpuppte sich als langer Gang. Also doch wieder ein Gang.
„Na dann auf geht’s“, meinte ich nur.
Wenn ich heute eins gelernt hatte, dann dass die Österreicher genauso verrückt waren wie die Wrimos in meiner Region.

Montag, 7. Dezember 2015

Blues Krabbeninvasion

Ich fand die Vorstellung von Blue und der Krabbe auf seiner Schulter einfach zu witzig. xD