Sonntag, 6. Dezember 2015

36. Kapitel



Die Nebelschaden verzogen sich sobald wir die Brücke hinter uns gelassen hatten, was uns ohne Probleme gelang. Keine fallenden Balken, keine einstürzenden Konstruktionen… Fast hatte ich damit gerechnet, war aber mehr als froh, dass ich falsch gelegen hatte.
Womit ich auch falsch gelegen hatte war der Anblick, der uns erwartete als wir die Brücke verließen. Wir fanden uns mitten in einem Stadtpark wieder. Umgeben waren wir von Bäumen, aber weiter hinten konnte man Gebäude sehen und das Rauschen von Autos auf einer stark befahrenen Straße war zu hören.
„Das ist nicht was ich erwartet hatte…“, meinte Blue.
Als wir uns umdrehten, um zu sehen woher wir gekommen waren, hatte sich die hölzerne Brücke in eine Brücke aus Stein verwandelt und führte auf die andere Seite eines schmalen, mit wenig Wasser gefüllten Grabens.
„Das hatte ich auch nicht unbedingt erwartet. Wie zum Teufel sollen wir jetzt zurückkommen?“
„Lasst uns darüber später nachdenken“, schlug Phoenix vor. „Erstmal sollten wir die Stadt erkunden.“
Sie hatte vielleicht Recht, aber ein flaues Gefühl blieb trotzdem in meinem Magen zurück. Was, wenn wir nicht zurückkamen? Was, wenn wir jetzt zurückgingen und sich die Grenze dann schloss und wir nicht zurück nach Österreich kamen? Wenn  wir denn überhaupt in Österreich waren. Nicht einmal das wussten wir momentan mit Sicherheit.
Wir folgten einfach dem Geräusch von Autos, was uns bald an eine Straße führte. Ampeln gab es schonmal, was auf eine Welt schließen ließ, die zumindest an der Realität angelehnt war. Ein paar Fußgänger waren unterwegs, einige genauso seltsam gekleidet wie die Leute in Schreibstadt. Einen davon hielten wir an.
„Entschuldigung“, begann meine Oma. „Können Sie uns sagen in welcher Stadt wir gerade sind?“
Der Mann sah uns recht entgeistert an. „In Vieann, natürlich.“
„Ist das in Österreich?“, hakte Blue nach.
Dem Passanten schienen fast die Augen aus dem Kopf zu fallen und es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben, denn er nickte nur. Dass Blue „Yes! Na endlich!“ schrie, half nicht gerade ihm Vertrauen einzuflößen. Er entschuldigte sich hastig und rannte förmlich vor uns davon.
„Immerhin wissen wir jetzt, dass wir hier richtig sind“, seufzte Phoenix.
„Und was jetzt?“, maulte Blue.
Bei seiner Laune vermutete ich fast, dass der Liebestrank langsam seine Wirkung verlor. Das hatte länger angehalten als ich gedacht hatte – und ich war froh, dass es bald vorbei sein würde. So nett es auch war mal Komplimente anstatt Beleidigungen von ihm zu bekommen, vermisste ich den richtigen Blue. Miesepetrig, vorschnell und immer bereit einen Kampf anzufangen. Nur die Angewohnheit alles zu essen und zu trinken, was ihm vor die Nase kam, sollte er sich besser abgewöhnen.
„Jetzt suchen wir die MLs dieser Region und bitten um Hilfe“, erklärte Phoenix.
„Super, und wie finden wir die? Diese Stadt scheint recht groß zu sein…“ Blue sah einem Auto nach, das an ihm vorbei raste.
„Ich bin selbst ML einer Region, falls ihr euch daran erinnert. Selbst wenn ich jetzt ein Zombie bin. Also hatte ich schon mit den MLs von ein paar anderen Regionen zu tun. Bisher allerdings nur über das Internet.“
„Also, wie genau läuft das hier?“, fragte ich.
„Die Region ist in Bibliotheken aufgeteilt“, begann Phoenix.
„Warum wundert mich das nicht?“, murrte Blue.
Phoenix ignorierte ihn. „Die Hauptbibliothek ist in Vieann. Naja, in der Realität wäre das Wien, auch wenn es hier anders heißt. Alle örtlichen Treffen sind als Bibliotheken angelegt – und im NaNo-Land befinden sich die MLs natürlich in Vieann, um alles zu überwachen.“
„Natürlich.“
Halleluja, Blue hatte seinen Sarkasmus wiedergefunden.
Zwar kannte sich hier niemand von uns aus, aber die Leute, die wir auf der Straße trafen, waren alle freundlich genug uns in die richtige Richtung zu weisen. Solange wir nicht fragten in welcher NaNo-Region und welcher Stadt wir waren, bekamen wir auch keine entgeisterten Blicke mehr ab.
Vieann hatte, wir jede Stadt, in der wir bisher gewesen waren, seine Eigenheiten. Meine Lieblingssehenswürdigkeit war die Charakterdesign-Fabrik, die wir auf dem Weg zur Hauptbibliothek passierten. Anscheinend hatte die jemand von hier aufgebaut und zeichnete die Charaktere von anderen Wrimos – die sich hier übrigens NaNÖs nannten. Ob das bedeutete, dass die Charaktere hier zu echten Menschen wurden, wusste ich nicht, aber es würde so einiges erklären.
Eine andere Sache, die uns nach einer Weile auffiel, war dass sich die Krabben hier eindeutig breit gemacht hatten. Ich wusste nicht genau, ob ich darauf hoffen sollte, dass sich die Krabbeninvasion bis nach Deutschland ausbreiten würde, oder ob sie lieber in Österreich bleiben sollten, denn hier schienen die Krabben auch ohne Wasser auszukommen. Stattdessen tauchten sie jedes Mal auf, wenn jemand ein Gefühl ausdrücken wollte.
Ein weinendes Kind hatte eine njojn Krabbe auf der Schulter sitzen. Ein Junge, der einem Mädchen zuzwinkerte hatte eine Krabbe auf der Schulter sitzen, die so aussah: nîuin. Als das Mädchen tatsächlich rot wurde und anfing zu kichern verwandelte sich das Tier auf seiner Schulter in eine YiviY, was wohl eine Hurra-Krabbe war und die auf der Schulter des Mädchens in eine glückliche nivin.
Anscheinend schien es der neuste Trend zu sein eine Krabbe auf seiner Schulter sitzen zu haben, die alle Emotionen zeigte, die man fühlte. Ich würde mich fühlen, als ob ich auf einem Präsentierteller sitzen würde, aber jedem das Seine. Blue schien fasziniert von den Krabben zu sein und versuchte eine anzufassen. Sie wurde zuerst zu einer entrüsteten fioif und dann zu einer nòwón, die ihn prompt in den Finger kniff.
Der Mann, dem die Krabbe gehörte, ließ sich nur zu einem „geschieht dir recht“ hinreißen, bevor er weiterging.
Blue starrte ihm wütend hinterher. Eine Krabbe, die plötzlich auf seiner Schulter aufgetaucht war, wurde zu einer unglücklichen ni_in. Sobald er mich ansah, wurde sie zu einer ni3in, was mich denken ließ, dass der Trank seine Wirkung vielleicht noch nicht ganz verloren hatte.
„Wo hast du die Krabbe her, Blue?“, fragte ich.
„Wah!“ Er versuchte das Tier mit einer Hand von seiner Schulter zu vertreiben, doch es klammerte sich an seine Robbe, die ein entrüstetes „oi, oi, oi!“ hören ließ. „Lass mich los, du Ding!“
Anscheinend wollte noch jemand anderes nicht, dass seine Gefühle öffentlich zur Schau gestellt wurden. Vielleicht hielt ihn das ja von weiteren Mitternachtsständchen ab.
„Kann irgendjemand dieses Ding entfernen?“
Er sah mich verzweifelt an und ich hob abwehrend die Hände. „Hey. Das ist dein Krabbenproblem. Außerdem finde ich die irgendwie niedlich.“
Ich kraulte die Krabbe auf dem Kopf und sie begann zu grinsen. nivin. Leider schien sich das nicht auf Blue auszuwirken, der immer noch miesepetrig aussah. Noch schlimmer wurde es als wir an einem Stadion vorbeikamen, aus dem einige tausend Zusachauer strömten.
„Ich habe Hunger. Da hilft es nicht gerade, wenn sich Menschen als Sachertorten verkleiden“, grummelte er und die Krabbe auf seiner Schulter wurde zu einer ni_in.
Die getörteten Leute verschwanden glücklicherweise bald in eine U-Bahn-Station. Zumindest musste Blue sie nicht mehr sehen. Da sein Magen mittlerweile so laut knurrte, dass sogar ich ihn hören konnte, war das Problem allerdings nur aufgeschoben und nicht behoben.
„Hier sind wir.“ Phoenix blieb vor einem riesigen Gebäude stehen, das vor uns aufragte.
Blue stöhnte erneut. „Müssen wir echt die ganzen Treppen da hoch? Ich will nicht.“ ni_in
„Wenn ich nicht auf Mias Schulter sitzen würde, würde ich ihm Recht geben…“, meinte Hannes nur.
Und wie sollte mir das weiterhelfen? Ich konnte Blue schlecht Huckepack nehmen. Da war Hannes‘ Größte wesentlich praktischer. Also nahm ich mir den Ärmel seines Pullovers und begann ihn hinter mir die Stufen hinaufzuziehen. Er grummelte wieder irgendetwas, begann aber mir zu folgen. Meine Oma benutzte kurzerhand ihren Regenschirm als Gehhilfe und Phoenix hatte uns alle bald überholt. Freundschaf brauchte am längsten, schien sich aber von den Stufen nicht einschüchtern zu lassen.
Einige der Leute, die ebenfalls auf dem Weg in die Bibliothek waren, oder aber gerade herauskamen, sahen dem Schaf ein wenig verwirrt nach, doch Freundschaf ignorierte sie. Ich tat es ihm gleich.
„Bist du sicher, dass die MLs uns helfen werden?“, fragte Blue Phoenix.
„Wir haben immer noch den Zettel von Mr. Ian Woon“, antwortete die. „Er ist der König des ganzen NaNo-Landes. Also sollte uns das auch hier weiterhelfen.“
„Mmh…“, machte unser Miesepeter nur.
Das war wohl wirklich der Liebestrank, der seine Wirkung verlor. Schluss mit rosaroter Brille. Schluss mit Singen unter meinem Fenster. Und vielleicht würde ich sogar Glück haben und er war zu sehr von der Krabbe auf seiner Schulter abgelenkt, als dass er versuchen würde mir die Schuld in die Schuhe zu schieben. Man konnte hoffen.
„Hier sind wir“, wiederholte Phoenix, als wir vor den großen Toren der Bibliothek angekommen waren.
„Hoffen wir mal, dass das funktioniert“, murmelte Blue nur.

Samstag, 5. Dezember 2015

35. Kapitel



Das Deck war mit Buchstaben übersäht. Einige davon krochen noch über die Holzdielen, doch die meisten rührten sich nicht. Sie verfingen sich in meinen Haaren, in meiner Robe und im Griff der Schaufel, die ich unaufhörlich schwang.
Neben mir kämpfte Blue genauso zielstrebig. Einer nach dem anderen fielen die Symblobs und Ververben unseren mehr oder weniger konventionellen Waffen zum Opfer. Immer mehr zogen sich unsere Feinde zurück und retteten sich freiwillig über die Reling zurück ins Wörtermehr.
Ich wollte gerade einen Jubelschrei ausstoße, da bemerkte ich etwas anderes. Das Wasser sah aus ob es hohe Wellen schlangen würde. Was kam jetzt?
„Wasserschlangen!“, brüllte ein Pirat von weiter vorne.
War ja klar. Das überraschte mich nicht einmal mehr. Sollte Steph uns doch Schlangen auf den Hals hetzen, Vampirschafe und verrückte Magier. Solange unsere Truppe zusammenhielt, fühlte ich mich unbesiegbar.
Das war zwar was jeder Charakter sagte bevor ihn in einer Geschichte das Zeitliche segnete, aber ich hoffte einfach mal, dass mir das erspart blieb. Noch zumindest. Dass ich meine halbe Lebenskraft wegen der bescheuerten Turmfalle aufgebraucht hatte, müsste genug Spannung für eine Weile sein.
Über den Lärm der Schlacht hinweg hörte ich Lurz brüllen.
„Was hat er gesagt?“
„Er hat befohlen, alle Energie in die Kanonen zu leiden“, meinte Blue.
Die Energie schmerzte das bestimmt sehr, wenn sie so leiden musste. Vielleicht bezog sich das aber auch auf die Symbolde, die wir damit beschießen würden.
Ein paar der Buchstabenkreaturen griffen sofort die Kanonen an und Blue und ich begannen im selben Moment in diese Richtung zu gehen. Ziemlich schnell waren wir die Symbolde und Kommadaten losgeworden und wurden prompt damit beauftragt das Trebuchet zu bedienen. Zum Abfeuern bekamen wir…
„Zuber?!“, beschwerte sich Blue. „Was sollen wir mit Zubern?“
„Abfeuern natürlich!“, erklärte Damon bevor er einer der Seeschlangen einen Pfeil verpasste.
Blue und ich standen uns nun gegenüber und feuerten einen Zuber nach dem andern ab. Nur etwa jeder dritte davon traf. Alle anderen verschwanden im Nichts. Ich würde zu gerne wissen wohin, doch das musste mindestens bis nach dem Kampf warten.
Woher die Piraten die ganzen Zuber hatten, war eine weitere Frage, die ich mich allerdings kaum traute zu stellen. Vielleicht hatten sie einen Zuberlieferanten überfallen und statt Geld einfach die Ware einkassiert. Was sie mit den ganzen Zubern wollten…
Ein paar magische Zuber schienen auch dabei zu sein, denn Damon belud sie, immer bevor wir sie abschossen, mit einer der Tauben, die auf dem Schiff zu Hause waren. „Der Zuber“, so erklärte er uns, „funktioniert nur mit einem Tier, das firedlich und im freien Flug gestorben ist.“
Ich wusste zwar nicht was firedlich war – vielleicht hatte es etwas mit Feuer zu tun – aber die Zuber trafen häufiger als die anderen, was mich vermuten ließ, dass sie mit einem Zauber ausgestattet waren, der den Fluch, der auf dem Schiff lag, für einen Moment brach.
Der Zuber musste sie treffen – und das tat er auch. Die Wasserschlangen wurden regelrecht mit magischen und nicht-magischen Zubern bombardiert. Das war eine Wasserschlacht einer ganz anderer hart. Äh, Art, auch wenn fliegende Zuber sicher hart waren und fliegende Zauberzuber sogar noch härter.
Glücklicherweise schienen die Schlangen das ähnlich zu sehen, denn sie gaben bald auf. Auch die Symblobs, Kommadaten und Wer-Verben zogen sich zurück und ließen uns in einer unheimlichen Stille zurück.
„Ist es vorbei?“, fragte ich schließlich.
„Ja.“ Lurz sah zwar nicht ganz überzeugt aus, doch er ließ alle Männer auf ihre Posten zurückkehren.
Ein paar Leute stellte er allerdings als Wachen ab, falls wir noch einmal angegriffen werden sollten. Ich gab die Schaufel an die Männer zurück, die wieder dem Krabbenschippen nachgingen, Phoenix war auf der Suche nach ihrem Arm und Oma machte einen Aufstand, weil Lurz einige Kratzer davongetragen hatte.
Hannes und Freundschaf hatten von der ganzen Geschichte nichts mitbekommen, denn die beiden waren in ihren Kajüten geblieben. Hannes hatte sich nicht ganz an das Schiffsleben gewöhnt und ihm war am Anfang recht übel gewesen – ein Frosch, dem auf einem Schiff übel wurde, also wirklich! – und Freundschaf trauerte immer noch der Einziege hinterher. Mir war es allerdings gerade recht, dass sie aus der gefährlichen Situation herausgehalten worden waren.
Blue und ich machten uns auf den Weg zur Küche, hauptsächlich weil Blue sich schon den ganzen Morgen Sorgen machte, was uns der Smutje wohl servieren würde. Er war bekannt dafür recht exotische Gerichte auf den Tisch zu bringen. Seine Sorgen zeigten sich berechtigt.
Smutjes neustes Gericht trug den Namen Andockpüre mit Analgen. Laut seiner Erklärung handelte es sich bei Analgen um Algen, die auf Anlagen wuchsen. Was genau Andockpüre war, erläuterte er nicht näher, was mir nicht gerade ein gutes Gefühl vermittelte.
Sobald Blue das herausgefunden hatte, schüttelte er den Koch. „Mach gefälligst mal vernünftiges Essen! Ich musste mir schon den FF antun, da ist das hier das allerletzte!“
Nur mit Mühe und Not konnte ich ihn davon abhalten den armen Smutje zu erwürgen. Ich wusste nicht, ob man dafür auch den Liebestrank verantwortlich machen konnte. Vielleicht begann die Wirkung nachzulassen und Blue somit schlechte Laune zu bekommen.
Beruhigen konnte ich ihn mit einer Tasse Kaffee, obwohl ich mich nicht traute ihm zu sagen, dass eine röstige Schiffsschraube Teil der Kaffeemaschine war, zuständig fürs Rösten der Kaffeebohnen. Das wusste ich, weil Smutje sie ausgetauscht hatte, bevor ich mich ans Kaffeebrauen gemacht hatte.
Der Kaffee, egal ob mit röstiger Schiffsschraube gebraut oder nicht, schien Blue ein wenig wiederzubeleben und ihm einen Teil seiner guten Laune wiederzugeben. Auch das Mittagessen war besser als wir gedacht hatten und es sich angehört hatte.
Blue, Phoenix, Oma, Hannes und ich zogen uns danach in eine Kajüte zurück und spielten Mau Mau, während Freundschaf zusah. Gestört wurden wir erst, als wir die Stimmen der beiden Wachposten hörten, die abgestellt worden waren, um zu melden, wenn sich etwas Seltsames dem Schiff näherte. Sofort waren wir wieder zurück an Deck.
Zuerst konnte ich nicht erkennen was genau den Alarm ausgelöst hatte. Dann bemerkte ich, dass genau das das Problem war. Dicke Nebelschaden verhängten die Sicht. Um uns herum war eine einzige dicke Suppe aus Nebel. Ob der uns schaden würde, wusste ich noch nicht, aber aus irgendeinem Grund glaubte ich das nicht. Der schwierige Teil unserer Reise war hoffentlich hinter uns.
„Vorsichtig! Lasst das Schiff treiben!“, befahl Lurz.
Die Segel wurden eingeholt und bald trieb das Schiff durch den Nebel dahin. Sollte hier irgendwo eine Sandbank oder – gnade uns Gott – ein Felsen sein, hatten wir ein großes Problem.
Was stattdessen bald aus dem Nebel vor uns auftauchte war eine Brücke. Zuerst hoben sich Umrisse dunkel vom Rest der nicht vorhandenen Landschaft ab, dann folgten einige Pfeiler, Seile, die zwischen den Plattformen gespannt waren und schließlich sahen wir das Gebilde in seiner ganzen Pracht vor uns.
Das einzige Problem war, dass wir die Brücke so schnell wie nicht erreichten. Sie schien einfach nicht näher zu kommen, egal wie oft Lurz das Schiff in ihre Richtung schickte. Schließlich gab er auf und ließ den Anker werfen.
„Das muss einfach die Grenze zu Österreich sein“, meinte er. „Ich habe von niemandem gehört, der so weit aufs Wörtermehr vorgedrungen ist. Vor allem, während er eine Grenze gesucht hat. Die Dinger findet man meistens nur, wenn man wirklich danach sucht“, erklärte er.
Eine Brücke? „Aber muss die nicht auch irgendwo anfangen?“, fragte ich.
„Nicht zwingend. Was sicher scheint ist, dass man sie nur zu Fuß überqueren kann. Das würde zumindest erklären warum wir mit dem Schiff nicht näher dran kommen.“
Super und was nun? Rüber schwimmen würde ich nur im absoluten Notfall, weil das bedeutete, dass wir Freundschaf würden dalassen müssen. Seine Wolle würde sich wieder voll mit Wasser saugen und auch Rettungsringe funktionierten nur bedingt. Das hatten wir bei unserem letzten Besuch am Wörtermehr unfreiwillig herausgefunden.
„Wirf das Boot vom Anker!", befahl Lurz.
Tatsächlich wurde ein Boot an der Seite des Schiffes ins Wasser gelassen, auch wenn ich nicht wusste was genau das mit einem Anker zu tun hatte. Besonders besorgniserregend war die Erkenntnis, dass es aus Blei bestand. Einige Piraten hoben das Bleiboot ins Wasser und signalisierten uns dann einzusteigen.
Dann mal viel Spaß beim Sinken, dachte ich nur, machte mich jedoch auf den Weg. Meine Oma hatte sich ebenfalls in Bewegung gesetzt. Zum Glück behielt zumindest Lurz seinen Verstand, denn er ließ uns unsere Sachen holen und befahl Smutje uns ein wenig Verpflegung mitzugeben. Das ließ Blue stöhnen, aber der Rest unserer Gruppe hatte Manieren, die gut genug waren, um sich zu bedanken.
Zwei Piraten setzten uns zur Brücke über. Das Geräusch der Ruder im Wasser klang seltsam dumpf, vor allem, als alle anderen Geräusche, die vom Piratenschiff gekommen waren, verstummten. Der Nebel hatte sie alle verschlungen. Die Atmosphäre gruselig zu nennen war die Untertreibung des Jahrhunderts.
Dieses Mal kam die Brücke näher. Wir konnten schon bald jeden einzelnen Balken sehen. Anscheinend war sie komplett aus Holz gebaut. Aber wo war der Anfang?
Die zwei Piraten ruderten uns rund um die Brücke herum, bis wir tatsächlich ein Ende fanden. Oder einen Anfang. Für was man es hielt hing vermutlich davon ab von welcher Seite man kam. Stufen reichten bis ins Wasser, wo es eine Art Anlegestelle für Boote gab. Das hieß dann wohl, dass sich ab hier unsere Wege trennten. Wie wir zurückkommen würden war auch noch eine Frage, vor allem, da Heinrich beschlossen hatte samt Teppich auf dem Schiff zu bleiben und darauf zu warten, dass wir uns meldeten. Aber um diese Frage würden wir uns später kümmern müssen.
Jetzt hieß es erst einmal: Österreich, wir kommen.

Freitag, 4. Dezember 2015

34. Kapitel



Sobald ich aufwachte, wusste ich, dass wir bereits unterwegs waren. Durch das Bullauge fiel Licht in die Kajüte. Phoenix war nicht mehr in ihrem Bett und dafür, dass es Dezember war, war das Licht ganz schön hell. Ich musste ziemlich lange geschlafen haben, also beeilte ich mich mit dem Anziehen und verließ meien Kajüte. An Deck waren alle schon schwer beschäftigt.
„Schmeiß das Segel!“, rief Lurz und die Piraten warfen das Segel in die Luft, das sich wie durch Magie entfaltete.
"Es war leicht, zu viert den Mast an die Rah zu hängen", meinte gerade ein Pirat zu einem anderen, als beide an mir vorbeigingen.
Öhm, so ganz richtig hörte sich das nicht an. Allerdings würde ich Lurz nicht in Frage stellen. Er war der Kapitätän dieses Schiffes und bisher hatte er uns immer ans Ziel gebracht.
Meine Oma stand neben ihm an der Reling und sah dem emsigen Treiben zu. „Was gibt’s Neues?“, fragte ich sie.
„Wir sind auf dem Weg zur österreichischen Grenze. Hoffen wir jedenfalls. Zumindest werden die Krabben immer mehr“, antwortete Lurz an ihrer Stelle.
Erst jetzt bemerkte ich die Krabben, die auf einem Großteil des Decks verteilt waren.
>-ivi-< njojn nîvin Yivin nivin njojn  njojn  nîvin Yivin njojn >-ivi-< nivin njojn Yivin njojn njojn nivin njojn  njojn  njojn  njojn nîvin nivin nivin >-ivi-< njojn nivin Yivin Yivin  >-ivi-<  nîvin njojn >-ivi-< njojn nîvin Yivin nivin njojn  njojn  nîvin Yivin njojn >-ivi-< nivin njojn Yivin njojn njojn nivin njojn  njojn  njojn  njojn nîvin nivin nivin >-ivi-< njojn nivin Yivin Yivin  >-ivi-<  nîvin njojn
„Das sind ja viele.“
Mehrere Piraten waren damit beschäftigt die Krabben zurück ins Wörtermehr zu schaufeln. Andere wiederum fingen sie und versuchten zu vergleichen wieviele mehr oder weniger als beim letzten Mal sie gefangen hatten.
„Falls du es schon vergessen hast, es liebt jemand im Frachtraum“, überhörte ich eine weitere Unterhaltung der Piraten.
Unweigerlich musste ich mich fragen, ob das Oma und Lurz gewesen waren. Gleich danach wollte ich den Gedanken am liebsten zurücknehmen. Um mich abzulenken schnappte ich mir eine Schaufel und half dabei die traurigen, winkenden, zwinkernden und einen umarmenden Krabben zurück in ihren Lebensraum zu schaffen.
Ich hörte erst auf, als mir jemand auf die Schulter tippte. Es war Phoenix, die mir die Schaufel abnahm und bedeutete zu meiner Oma zurückzugehen. Ich musste zugeben, dass sie wesentlich effektiver arbeitete als ich. Innerhalb kürzester Zeit schaffte sie es mindestens doppelt so viele Krabben über Bord zu befördern wie ich. Ein Zombie zu sein schien auch Vorteile zu haben.
Da sie mich abgelöst hatte, stellte ich mich wieder zu Oma und Lurz. Letzterer hielt gerade Omas Händchen, das sich bei ihm fast genauso wohl zu fühlen schien wie bei seiner ursprünglichen Besitzerin.
„Ich glaube wir sind bald da“, meinte Lurz. „Die See wird unruhig.“
Diese Aussage behagte mir gar nicht. „Was meinst du damit?“
„Wenn ich einbeziehe was ich bisher über die Übergänge zwischen Regionen und Welten gehört habe, wehren sie sich meistens dagegen passiert zu werden. Wir werden vermutlich bald auf Widerstand stoßen.“
Das letzte Mal, als wir gegen das Wörtermehr gekämpft hatten, oder eher gegen die Kreaturen, die es bevölkerten, hatten wir einige Piraten verloren. Sollte das hier auch nur annähernd so schlimm werden, hatten wir ein Problem. Automatisch sah ich mich nach Blue um. Ich meinte einen blauen Haarschopf ganz am anderen Ende des Schiffs ausmachen zu können, aber wegen der ganzen Krabben und dem Gewusel an Deck, war das schwer zu sagen. Ob der Trank mittlerweile wohl seine Wirkung verloren hatte? Es ging langsam auf Tag drei zu.
Ich suchte mir meinen Weg durch das Chaos, darauf bedacht nicht aus Versehen auf eine Krabbe zu treten. Tatsächlich entpuppte sich der blaue Haarschopf als Blue, der mit Chuck ein paar neue Schwerttechniken einstudierte. Das war vermutlich eine gute Vorbereitung auf das, was uns erwartete, zumindest falls Lurz Recht hatte. So wie ich das NaNo-Land kannte, hatte er vermutlich Recht.
Blues Leistung ließ nach sobald er mich erspähte. Chuck, der vorher eine Minute gebraucht hatte, um Blue zu entwaffnen, schaffte das nun in einer einzigen Sekunde.
„Konzentrier dich!“, fuhr er seinen Schüler an und der senkte schuldbewusst den Blick.
Also doch noch der Liebestrank. Wenn Blue sich beim Üben mit dem Schwert nicht konzentrieren konnte, bedeutete das, dass er immer noch auf Wolke Sieben festsaß. Normalerweise war er nur bei zwei Sachen fokussiert: Beim Kämpfen und beim Essen.
Um das Training nicht weiter zu stören entfernte ich mich ein wenig vom Kampfplatz und lehnte mich stattdessen über die Reling, um das Wasser zu beobachten. Vielleicht konnte ich ja eine Gefahr erkennen, bevor sie uns vollkommen überrumpelte. Und während eines Kampfes sollte ich mich vielleicht lieber von Blue fernhalten, um ihn nicht abzulenken.
Das Schiff flitzte fast eigenartig über das Wörtermehr. Es schien als hätte es weniger Tiefgang als es haben sollte. War das schon immer so gewesen? Konnte Lurz‘ Schiff fliegen? Zutrauen würde ich es ihm irgendwie. Und Blues Gesicht zu sehen, wenn er herausfand, dass er auf einem fliegenden Schiff war, wäre auch witzig.
"Hoffen wir mal, dass das Schiff schwerf genug ist", meinte meine Oma, die neben mir aufgetaucht war, während Lurz irgendetwas mit ein paar seiner Mannschaftsmitglieder besprach.
„Schwerf?“
„Eine Mischung aus Schwert und schnell“, erklärte sie.
Ich konnte nicht umhin mir das Schiff als eine Klinge vorzustellen, die durch das Wasser des Wörtermehrs schnitt, Wörter durchtrennte und diese sich hinter uns zu gruseligen Kreaturen wieder zusammensetzten. Meine Fantasie spielte mir auch einen Streich, denn ich meinte dunkle Schatten unter dem Bug ausmachen zu können und schauderte.
„Dann hoffe ich auch, dass wir schwerf genug sind“, meinte ich nur.
Ein dunkler Schatten raste plötzlich auf mich zu. Es ging zu schnell, als dass ich mich hätte ducken oder verteidigen können. Ein metallisches Geräusch erklang, dann stand Phoenix neben mir, die Schaufel schwingend, mit der sie gerade noch Krabben aufgelesen hatte. Hinter mir platschte etwas zurück ins Wasser, aus dem es gekommen war. Also war es doch nicht meine Fantasie gewesen.
„Was zum Teufel war das?“ Ich entfernte mich augenblicklich von der Reling und zog meine Oma mit mir.
Alle auf dem Schiff schienen den Vorfall mitbekommen zu haben, denn die Piraten hatten alles zur Seite gelegt und spähten misstrauisch Richtung Reling.
„Das sah aus wie ein Angriff von Vererben“, meinte Phoenix. „Wer-Verben“, erklärte sie auf meinen verwirrten Blick hin. „Das sind Wörter, die sich im Wörtermehr neu gebildet haben und sich nun dadurch verbreiten, dass sie andere Wörter anstecken.“
Sie schüttelte ihr Bein und ein Wesen, das nur aus Buchstaben zu bestehen schien, schlitterte über das Deck. Es war in ihrem Bein verbissen gewesen. Nun floppte es auf den Holzdielen herum.
„Mir tot mein Bein weh“, beschwerte sich Phoenix.
Hatten Zombies tote Gliedmaßen? Darüber konnte ich nicht weiter nachdenken, denn ein Schrei auf der anderen Seite des Schiffes kündigte auch dort einen Angriff an. Auf unserer Seite begannen ebenfalls die Kreaturen aus Buchstaben die Reling empor zu kriechen.
Blue war sofort an unserer Seite und zusammen begannen wir die Buchstabenmonster dorthin zurückzuschicken, wo sie hergekommen waren. Was etwas nervig war, war dass Blue zu versuchen schien alle Kreaturen davon abzuhalten mir auch nur annähernd nah zu kommen. Soviel zu meinem Vorhaben mich von ihm fernzuhalten, um ihn nicht abzulenken.
„Ich kann auf mich selbst aufpassen, weißt du?“, meinte ich und verpasste einem der Wer-Verben einen Schlag mit der Schaufel, die Phoenix mir überlassen hatte. Sie kam auch ohne gut klar.
Blue schlägt mit der Schaufel nach einem weiteren Wörtermehrbewohner und er fällt über Bord, sich mehrmals um sich selbst drehend.
Blue wirkt verärgert, ohne dass ich verstehe, warum.
„Es ist, weil du schon wieder ins Präsens gegangen bist!“, schreit er und fuchtelt mit seinen Fingern vor seiner Nase herum. „Man sollte meinen, dass es nicht so schwer ist, in einer Zeit zu bleiben, oder, Steph?“
Oh. Das hatte ich gar nicht bemerkt. Allerdings bewies das wohl, dass Steph noch immer an unserer Geschichte arbeitete, ob das jetzt gut oder schlecht war. Jedenfalls schien sie ihren Fehler korrigiert zu haben, denn ich befand mich wieder im Präteritum. Auch den Gedankengang würde ich wohl verschieben müssen, denn mehrere Wer-Verben belagerten Phoenix und ich benutzte die Schaufel, um sie abzukratzen so gut ich konnte.
„Das schmerzt mich innerleich“, grummelte sie und presste eine Hand auf ihren Brustkorb, wo eine große Wunde klaffte.
Wie um Himmels Willen hatten diese Viecher so einen Schaden anrichten können? Zielsterbig steuerte Phoenix aber schon wieder auf die nächsten Angreifer zu. Vielleicht war sie in Wirkleichkeit doch nicht so verletzt wie es schien. Immerhin war sie schon tot. Andererseits wollte ich kein Risiko eingehen, denn sie einmal sterben zu sehen hatte mir für den Rest meines Lebens gereicht.
„Oh je. Noch mehr“, murmelte Blue, der mit seiner Tirade auf Steph anscheinend fertig war. Und sie schien Rache zu nehmen.
Mehrere neue Kreaturen kletterten die Reling hinauf. Sie waren unförmig und sahen aus wie dunkle Säcke, die bis zum Rand mit Wörtern gefüllt waren.
„Das sind Symblobs“, erklärte meine Oma, nachdem sie einen von ihnen mit ihrem Regenschirm pulverisiert hatte – oder vielmehr mit dem Starb, der darin verborgen war. „Verwandte der Symbolde. Vermutlich sind sie sauer darauf, dass wir ihre Vettern das letzte Mal besiegt haben.“
Na super. Rachsüchtige Wortgebilde. Was hatte Steph als nächstes zu bieten? Ein wenig konnte ich nachvollziehen warum Blue sich manchmal so über sie aufregte. Andererseits schrieb sie eine Geschichte und Geschichten sollten spannend sein. Wenn dazu eine Attacke von Ververben und Symblobs nötig war...
„Ich raste bald tot aus, wenn das nicht aufhört“, knurrte Phoenix.
Auf einmal hörte sie sich gefährlich an. Sie warf ihren freien Arm in die Luft, um ein paar von den Ververben abzuschütteln und gleichzeitig einige Symblobs platzen zu lassen. Okay… ich hatte bisher nicht gewusst, dass sie ihre Körperteile abnehmen konnte. Dann wiederum war sie ein Zombie. Vielleicht sollte ich mich doch mal über Zombies informieren, jetzt wo eine Freundin von mir einer war.
„Och neeee…“, seufzte Blue.
Wieder neue Kreaturen kamen über die Reling gekraxelt. Sie waren geformt wie Kommas, bestanden aber ebenfalls aus vielen verschiedenen Buchstaben.
„Das sind Kommadaten, die Kommandanten der Symblobs“, erklärte Blue, während er eins von denen, das mir zu nahe kam, mit einem Hieb seines Schwertes zerstörte.
„Hör endlich auf mich zu verteidigen! Das kann ich alleine“, meinte ich.
„Wenn ich das nicht mache, kann ich mich aber nicht konzentrieren!“, sagte er.
Wir funkelten uns an, wurden aber von einem Symblob unterbrochen, der diesen Moment genutzt hatte, um zu versuchen uns hinterhältig zu erwischen. Blue schlug mit seinem Schwert im selben Moment zu, in dem ich dem Symblob einen Hieb mit der Schaufel versetzte. Das Teil wurde regelrecht geplättet.
„Siehst du?“, sagte ich. „Ich komme klar.“
„Dann eben ein Kompromiss.“ Der ließ echt nicht mit sich reden. „Wir kämpfen gemeinsam.“
Normalerweise war Blue derjenige, der überall im Kampfgeschehen herumsprang und versuchte so viele Feinde zu erledigen wie möglich. Für ihn war das vermutlich tatsächlich ein Kompromiss. Ganz zu schweigen davon, dass wir dem Vieh eben ganz schön zugesetzt hatten.
„Meinetwegen.“
Unsere neue Taktik wurde sogleich auf die Probe gestellt, als eins der Kommadaten den Regenschirm meiner Oma festhielt, sodass sie sich nur noch schwer verteidigen konnte. Gegen Blue und mich gemeinsam hatte es jedoch keine Chance.