Donnerstag, 3. Dezember 2015

33. Kapitel



Es war zu süß meine Oma und Lurz dabei zuzusehen wie sie sich erst in die Arme fielen, dann küssten und dann erzählten was sie während der Abwesenheit des jeweils anderen alles erlebt hatten.Währenddessen beäugten die meisten Piraten den rosa Teppich, der in ihrer Mitte gelandet war, recht misstrauisch. Blue und Chuck waren bereits in ein Gespräch über Schwerter vertieft, was vermutlich dazu diente Blue von seinem gerade überstandenen Flug auf dem Höllenteppich abzulenken.
Heinrich hatte sein Bestes gegeben, um den Teppich einigermaßen flugtauglich zu machen. Dafür, dass er erst heute morgen damit begonnen hatte, war das Ergebnis sehenswert.Allerdings hatten wir alle feststellen müssen wie gut wir es mit unserem alten Bunnyteppich gehabt hatten. Jede noch so kleine Windböe hatte den alten Lumpen zittern lassen wie bei einem Erdbeben. An einigen Stellen war der Teppich so dünn, dass sogar ich Angst gehabt hatte einzubrechen. Davon, dass die Halteschlaufen beim leichtesten Zug rissen, wollte ich gar nicht erst anfangen. Wir alle waren froh endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben – oder zumindest ein Schiff, das zwar schwankte, aber von dem aus man immerhin nur im Wasser landen konnte.
Noch lag die Biship in der Schwingenden Stadt vor Anker. Von Bord aus sah ich ein paar Harfenarbeitern zu, die ihre Harfen direkt neben der mittlerweile restaurierten Harfenkneipe aufgestellt hatten. Als wir sie das letzte Mal gesehen hatten, hatten die Rauchninjas und wir sie bei unserem Kampf angezündet und eine Wand eingerissen. Ups?
Das improvisierte Harfenkonzert im Hafen war nett mit anzuhören, vor allem, weil es langsam fast peinlich wurde meine Oma und Lurz zu sehen. Die beiden sollten sich vielleicht ein Zimmer suchen.
„Hallo, Mia. Schön dich wiederzusehen.“ Damon, Chucks Freund und derjenige, der mir das Bogenschießen beigebracht hatte, lehnte sich neben mir an die Reling.
„Ich freue mich auch dich wiederzusehen. Ist ja nicht so, als würden wir uns eh jedes Mal sehen, wenn meine Oma übers Wochenende Lurz besuchen geht.“
Tatsächlich freute ich mich jedes Mal, wenn ich mitkommen konnte. Irgendetwas an diesem Piratenschiff vermittelte mir ein Gefühl von Heimat.
„Was gibt es sonst Neues?“, fragte ich.
Damons Miene verdüsterte sich.
„So schlimm?“
„Ich mag das Gefühl nicht, dass sich in der Schwingenden Stadt breit macht“, gab er zu. „Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Ein paar zwielichte Charaktere haben sich hier eingenistet. Die führen irgendetwas Böses im Schilf.“
„Im Schilf?“, hakte ich nach.
Er nickte. „Manchmal kann ich nachts Gestalten beobachten, die durchs Schilf schleichen und seltsame Kisten transportieren. Vielleicht schmuggeln sie irgendetwas, aber sicher bin ich mir nicht und Zeit mir das genau anzusehen habe ich auch nicht.“
So etwas würde mich normalerweise brennend interessieren, aber wir hatten eine Horde Freundschafe zu finden, was wesentlich wichtiger war als zwielichtige Gestalten im Schilf.
„Außerdem ist bald wieder das Harfenfest. Tausende Händler werden in die Stadt kommen, welche auf Hunderten Jim in den Hafen gefahren kommen.“
„Jim?“ Normalerweise verstand ich ein wenig mehr von dem, was er sagte, wenn ich mit Damon redete.
„Das sind bestimmte Arten von Booten. Bis heute kann sich niemand erklären, wieso die anstatt "Schiffen" Jim heißen.“
Das Fest hörte sich spannend an. Vielleicht konnte ich meine Oma dazu überreden, dass wir dazu in die Schwingende Stadt kommen würden. So könnte sie Lurz wiedersehen und ich würde vielleicht eine Chance bekommen zusammen mit Damon den zwielichtigen Gestalten auf die Spur zu kommen.
Irgendetwas konnte mit mir nicht stimmen. Ich hatte gerade erst ein gefährliches Abenteuer abgeschlossen, bei dem wir das NaNo-Land vor einer Plotbunnyinvasion gerettet hatten, war in das nächste Abenteuer verstrickt, das noch nicht einmal beendet war und suchte mir bereits das nächste. Andererseits… vielleicht konnte man ja gute Geschichten daraus machen.
Ein Kreischen über mir lenkte mich ab und ehe ich mich versah, war mir Kaffee, der kleine Affe, den wir bei unserem ersten Besuch hier gelassen hatten, in die Arme gesprungen.
„Hallo, Kleiner“, begrüßte ich ihn.
Es war kaum zu glauben, dass der mal als Kaffee von Blue angefangen hatte und sich dann in dieses niedliche Tierchen verwandelt hatte.
„Wir haben noch einen Neuling hier“, meinte Damon. „Die beiden sind mittlerweile gute Freunde geworden, obwohl sie sich am Anfang nicht riechen konnten.“
Von einem der Masten kam ein Plappergei angeflogen und landete auf Damons Schulter. Meine beiden Schultern waren leider von einem Affen und einem Frosch belegt.
„Der ist ja niedlich!“
Der Plappergei begann augenblicklich uns vollzuquasseln, während ich mir sein Gefieder näher besah. Statt bei einem normalen Farbschema zu bleiben, besaß er Federn in allen Farben des Regenbogens, die nach einem ähnlichen Muster angeordnet waren - von rot-orange über gelb, grün, blau und lila.
„Nachdem wir den Haustierschlüssel verloren hatten, mussten die beiden leider zusammenziehen“, erklärte Damon.
Haustierschlüssel? Ein Schlüssel zum Zimmer der Haustiere, oder ein Schlüssel als Haustier? Ich war mir nicht sicher und konnte nicht fragen, denn Blues Aufschrei lenkte mich ab.
„Au! Was soll das? Ich habe nichts gemacht“, beschwerte er sich.
Einer der Piraten hatte ihm offensichtlich einen bösen Block zugeworfen.
„Reg dich nicht so auf.“
Sobald ich ihn ansprach veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Oh wann würde der Liebestrank endlich aufhören zu wirken? Damon schien den Blick zu bemerken, denn er hob vielsagend eine Augenbraue. Vielleicht sollte ich ihm die Situation erklären bevor er versuchte uns beide zu verkuppeln. Das würde sowas von nach hinten losgehen, also vermied ich das lieber von Anfang an.
Auch Roger kaute mit den Augen und zwinkerte mit den Zähnen. Er hatte sich nicht großartig verändert seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten und offensichtlich war er immer noch dazu verflucht Tentakelaugen und andere deformierte Körperteile zu haben. Dafür sah er aber erstaunlich fisch aus. Wie eine Mischung aus einem Tintenfisch, einem Seestern, einem Fisch und diversen anderen Kreaturen der See.
„Und Roger hier hat mittlerweile eine Freundin“, setzte Damon seine Berichterstattung fort. „Ihr Gesicht sieht aus wie das eines Egels.“
Na dann passten die beiden bestimmt zusammen. Es war nett zu sehen, dass so viele Leute zusammenfanden. Da hoffte ich fast, dass ich mich auch mal in jemanden verlieben würde. Auch wenn das vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt war. Momentan würde das Blue vermutlich recht eifersüchtig machen und ihm und seinen Schwertern kam man besser nicht zu nahe, wenn er wütend war.
„Dankeschön!“, hörte ich meine Oma sagen.
Lurz hatte ihr gerade ein weiteres Geschenk überreicht (er schien immer etwas Neues für sie zu haben, wenn sie zu Besuch kam. Im Gegenzug dafür schrieb sie ihm regelmäßig kleine Kurzgeschichten). Schalwellen bedeckten ihren Hals und einen Teil ihres Gesichts. Das Ganze sah aus wie ein Schal, der aus den Wellen des Wörtermehrs selbst gemacht war. Er schien sich leicht zu bewegen und sah außerdem angenehm wärmend aus.
Roger fiel es mittlerweile wie Schuppen vor die Augen. Irgendeins seiner verfluchten Körperteile schien zu schuppen und das Zeug rieselte überall um ihn herum auf den Boden.
„Wann können wir den Anker lichten?“, fragte meine Oma gerade, was mich von Roger ablenkte.
„Bald. Aber sagt mir nochmal genau was wir vorhaben“, sagte Lurz.
„Wir müssen irgendwie nach Österreich kommen. Irgendwo beim Wörtermehr muss ein Übergang in die Region Österreich sein; wie sonst können es die njojn Krabben ins Wörtermehr schaffen?“, brachte sie Blues Argument vor.
Die nächsten Minuten verbrachten die Piraten damit zu diskutieren wo sie bisher die meisten Krabben gefangen hatten, um dadurch abzuschätzen wo sich der Übergang befinden könnte.
Da wir von dem Zeug sowieso keine Ahnung hatten, zogen wir uns in unsere Kajüten zurück. Freundschaf schien ein wenig niedergeschlagen zu sein, da wir die Einziege zurückgelassen hatten. Sie hatte sich immer noch nicht ganz von ihrem Lebensabschnitt als Plüschtier erholt und wir hatten dafür gezahlt, dass sie im Hotel in Romantika bleiben konnte bis es ihr besser ging.
Meine Oma schlief in einer Kajüte mit Lurz, also teilte ich mir eine mit Phoenix. Meinen Bogen legte ich auf den Nachtfisch, der da am Rande des Bettes stand. Immerhin war es kein Nackttisch. Mit einem Fisch konnte ich mehr anfangen.
„Hoffen wir mal, dass dieser Plan funktioniert. Wenn wir nicht mal nach Österreich kommen können, wie sollen wir dann jemals das Gefängnis und die Freundschafe finden?“, meinte Phoenix.
Sie hatte sich in ihre Koje gelegt, aber hatte nicht einmal ihre Kleidung ausgezogen. Schliefen Zombies überhaupt? Falls nicht, was machte sie dann die ganze Nacht über?
„Gute Nacht, Mia.“
Ich beschloss, dass es unhöflich war jetzt zu fragen. Außerdem war ich selbst so müde, dass ich einschlief, bevor ich ihr auch nur antworten konnte.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

32. Kapitel



Ich war so glücklich darüber, dass wir endlich die Einziege gefunden hatten und somit jemanden, der uns vielleicht über den Verbleib von Freundschafs Verwandtschaf aufklären konnte, dass mich nicht einmal die Gedankenspinne nervte – denn natürlich musste Mr. Ian Woon sofort über unseren Fortschritt informiert werden. Auch er schien sich über die neusten Entwicklungen zu freuen.
„Hat sie euch schon gesagt wo ihr die Freundschafe finden könnt?“, wollte er wissen.
„Wir haben sie noch nicht gefragt“, gab meine Oma zu. „Zu allererst haben wir ihr ein Bad verpasst.“
Wir alle dachten kurz zurück an das Erlebnis mit dem Schißstand und Mr. Ian Woon blockte sofort jeden weiteren Erklärungsversuch. „Alles klar. Das ist nachvollziehbar.“
Ich wollte nicht einmal darüber nachdenken wie lange die arme Ziehe in diesem Schißstand verbracht haben mochte. Dass sie nicht vollkommen traumatisiert war, war ein wahres Wunder. Allzu lange konnte es allerdings nicht gewesen sein, denn Freundschaf hatte sie zurückverwandeln können. Beim Könling hatte das damals funktioniert, als er in einen Geier verwandelt worden war. Bei Hannes war alle Hoffnung vergebens, da er schon zu lange ein Frosch gewesen war, als er endlich Freundschaf über den Weg gelaufen war. Omas Hand schien sowieso ein Sonderfall zu sein.
„Was ist denn mit Blue los?“, fragte Mr. Ian Woon plötzlich.
Blue war gerade dabei, seine Gefühle für mich zu denken. Und das nicht zu knapp. Ich ermahnte ihn in Gedanken, aber wie immer hatte er seine liebe Not damit eine Mauer in seinem Kopf zu errichten.
„Er hat aus Versehen einen Liebestrank getrunken“, erklärte ich. „Es ist eine lange Geschichte.“
Bevor ich auch nur anfangen konnte sie zu denken, meinte Mr. Ian Woon nur „Schon klar. Romantika“ und gab sich mit der Erklärung zufrieden.
Blues Gedanken wurden wirklich nervig, vor allem, weil ich bemerkte, dass ich langsam rot anlief. Ob Liebestrank oder nicht, was er über mich dachte war irgendwie… nett. Auch wenn alles nur an einem Gebräu lag. Das brachte mich ganz schnell zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich wollte lieber nicht wissen was er über mich dachte, wenn er nicht gerade die Welt durch eine rosarote Brille sah.
„Ich wünsche euch jedenfalls viel Glück dabei die Einziege zu befragen und die Freundschafe zu finden.“
Irgendetwas an seinem Tonfall gefiel mir ganz und gar nicht.
„Was ist los?“, fragte auch Phoenix, die den gleichen Gedanken gehabt zu haben schien wie ich.
„Die Eyebros werden langsam ungeduldig“, gab der König des NaNo-Landes zu. „Ich weiß nicht wie lange sie den Ansturm auf den Großen Roten Knopf des Verderbens noch mitmachen.“
„Dann müssen wir uns beeilen“, fasste Phoenix die neue Information zusammen.
„Viel Glück!“ Und damit war die Verbindung zu Mr. Ian Woon auch schon unterbrochen.
Die Einziege und Freundschaf waren im Zimmer von meiner Oma und mir untergebracht. Nach dem Bad hatten wir die arme Ziege in einen ganzen Haufen Handtücher eingewickelt und vor die Heizung verfrachtet, zusammen mit einem Napf voll Wasser und einem anderen mit Futter. Der Koch hatte ein paar Karotten übrig gehabt und hatte jemand anderen losgeschickt, um frisches Gras zu holen.
Mittlerweile sah die Ziege etwas lebhafter aus als direkt nachdem Freundschaf sie zurückverwandelt hatte. Als sie uns sah, gab sie ein wohliges Meckern von sich. Meine Oma hatte bereits das Übersetzungsgerät parat und das Meckern verwandelte sich in ein gekrächztes „Dankeschön“.
„Gern geschehen“, meckerte meine Oma zurück.
„Danke, dass ihr mir geholfen habt. Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich noch einen Tag länger bei dem Verrückten hätte bleiben müssen.“
„Mäh“, machte Freundschaf zustimmend.
„Freundschaf hat mir schon erzählt, dass ihr seine Verwandtschaf sucht.“ Die Ziege ziegte an, dass sie aufstehen wollte und ich half ihr aus den Handtüchern heraus. „Ich habe seit Jahren versucht sie wiederzufinden“, meinte sie.
Die konnte einem wirklich leid tun. Sie hörte sich so traurig an.
„Aber ich konnte sie nicht finden. Ich habe nur Gerüchte von anderen Tieren aufgeschnappt. Und dann hat mich dieser Zauberlehrling zur Übung in ein Stofftier verwandelt und war zu blöd, um es rückgängig zu machen.“ Sie schnaubte abfällig.
Mit schief gegangenen Zaubern kannten wir uns mittlerweile etwas aus. Immerhin hatten wir einen Froschprinzen dabei und meine Oma, der ihre Hand hinterherlief, statt sich, wie es sich gehörte, an ihrem Handgelenk zu befinden.
„Was hast du denn aufgeschnappt?“, fragte ich.
„Ich habe gehört, dass die Freundschafe gefangen gehalten werden, in einer anderen Region, beziegungsweise in Österreich, um genau zu sein.“
„In Österreich?!“ Blue stöhnte und ließ sich aufs Bett fallen.
„Ja. In einer Art Gefängnis, aber ich weiß nichts Genaues“, gab die Ziege zu. „Und ich weiß auch nicht wieso.“ Ihre Augen verengten sich, sodass man die eckigen Pupillen kaum noch sehen konnte, als Zorn in ihr aufzieg.
Freundschafe im Gefängnis? Wenn die auch nur annähernd so waren wie unser Freundschaf, gab es wirklich keinen Grund dafür die armen Schafe so zu behandeln. Ganz zu schweigen davon, dass wir sie brauchten, um den Großen Roten Knopf des Verderbens aufzuhalten.
„Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gerne ein bisschen schlafen. Ich bin noch ziemlich fertig davon ein Kuscheltier gewesen zu sein. Tut mir leid, wenn ich euch nicht weiter helfen konnte.“
„Mäh“, machte Freundschaf.
„Freundschaf hat Recht. Du hast genug getan und du hast uns sehr geholfen. Dankeschön“, sagte Phoenix
Wir packten die Einziege wieder in die Handtücher ein und ließen sie vor der Heizung liegen, ehe wir uns in Blues und Hannes‘ Schlafzimmer zurückziegen. Die Ziege gefunden zu haben schien unser Verhalten zu beeinflussen, denn das Wort „Ziege“ schien plötzlich unverhältnismäßig oft vorzukommen.
„Wie kommen wir nach Österreich?“, sprach ich das offensichtliche Problem an.
Die Grenzen des NaNo-Landes waren ein einziges Mysterium. Sogar das Buch, das mir Himmelrich aus der Wandernden Bibliothek geschenkt hatte und das die Grenze zur Realität aufzeigte, hatte mir nicht viel dabei geholfen das System zu verstehen. Die Regionen des NaNo-Landes veränderten sich ständig. Deutschland und Österreich waren zum Beispiel vor wenigen Jahren noch eine Region gewesen, doch da so viele neue Wrimos dazugekommen waren, waren sie getrennt worden. Seitdem verschwammen die Grenzen immer mehr.
Einige Wrimos besuchten beide Regionen regelmäßig, von dem, was ich gehört hatte. Wie man genau zwischen ihnen wechselte war allerdings ein einziges Rätsel. Es war genauso ein Rätsel wie die Frage wie genau wir zwischen dem NaNo-Land und der Realität hin und her wechselten. Das alles war mehr als verwirrend.
„Fragen wir doch einfach Heinrich. Man müsste doch nach Österreich fliegen können“, schlug Blue schließlich vor.
Gesagt, getan. Heinrich war noch immer mit dem Teppich beschäftigt. Tatsächlich sah er nach den vielen Stunden, die er bereits mit der Wiederaufbereitung verbracht hatte, nicht mehr ganz so zerrupft aus wie am Anfang. Er war zwar immer noch rosa und schien an den Rändern auseinander zu fallen, doch ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass die Fasern unter meinem Hintern nachgeben würden, wenn ich mich setzte.
„Entschuldigung, aber wir hätten eine kleine Frage“, sagte meine Oma.
Sofort sah der Fakir auf. Wenn meine Oma mit ihm sprach, war er generell aufmerksam. Meistens beobachtete er sie aus mindestens einem Augenwinkel und als wir mit dem Teppich abgestürzt waren, hatte er sich auf dem ganzen Weg durch die Comedy-Gegend ununterbrochen bei ihr für die Bruchlandung entschuldigt.
„Kein Problem. Was ist los?“
„Können Sie uns nach Österreich fliegen?“ Blue sah ihn erwartungsvoll an.
„Mmh… Österreich. Ich weiß leider nicht genau wo das liegt“, meinte der Fakir.
Wenn es um die Realität ging, konnte ich das genau sagen. Hier im NaNo-Land war ich leider auch überfragt. Vielleicht war es wie bei der Grenze zur Realität und man konnte nur zu bestimmten Zeitpunkten durch eine unsichtbare Stelle, einen Riss, von einer Seite auf die andere wechseln. Falls das so war, würde das ein echtes Problem werden.
„Moment!“, rief Blue. „Die Krabben!“
Alle sahen ihn verwirrt an. Sogar Freundschaf, das uns aus Einzieges Zimmer gefolgt war, schaute ihn mit schief gelegtem Kopf an.
„Erinnert ihr euch nicht an die Krabben, die wir auf Lurz‘ Piratenschiff gefunden haben? Die traurigen njojn Krabben, die angeblich aus Österreich eingewandert sind?“
„Was ist mit denen?“, fragte meine Oma.
„Wenn die aus Österreich gekommen sind, muss es einen Übergang vom Wörtermehr nach Österreich geben. Das ist eine logische Schlussfolgerung.“
Okay, jetzt war ich wirklich beeindruckt. Bisher hatte ich Blue für denjenigen gehalten, der mit dem Schwert auf Sachen eindrosch ohne sich Gedanken darüber zu machen wo sie herkamen. Und da präsentierte er einfach die Lösung zu unserem Problem. Naja, vielleicht.
„Oma, ruf doch mal deinen Freund an.“
Der Fakir verzog leicht das Gesicht und widmete sich wieder seinem Teppich, während meine Oma die Lurzwahltaste ihres Handys betätigte.

Dienstag, 1. Dezember 2015

31. Kapitel



Blue stöhnte und meine Oma zupfte an meiner Robbe. „Mia, was tust du da?“
„Siehst du die Ziege da nicht? Merkst du nicht wie seltsam sich Freundschaf aufführt? Damit hat es irgendetwas auf sich, glaub mir.“
„Hört auf sie“, meinte Blue, der sich anscheinend etwas gefangen hatte. „Normalerweise hat sie den richtigen Riecher bei sowas.“
Einen Riecher wollte ich gerade jetzt nicht haben, denn ich ahnte womit wir schießen mussten, um die Ziege zu gewinnen.
„Können wir die nicht einfach kaufen?“, fragte Blue verzweifelt.
Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Aber…“
„Nein. Warum so überarscht? Meine Familie ist seit Jahrzehnten im Jahrmarktgeschäft. Wir haben unsere Standards. Und Stan-darts haben wir zwar auch, aber mit denen zu werfen ist langweilig.“
Das hatte ich befürchtet. „Warum sind Sie nicht auf einem richtigen Jahrmarkt, sondern irgendwo hier im Nirgendwo?“
„Aus irgendeinem Grund verweigern mir alle Märkte den Zutritt.“
Ich konnte mir vorstellen wieso. „Fangen wir an, bevor es zu dunkel für weitere Scheißübungen wird“, seufzte ich. „Geben Sie mir das Ding.“
Ein erneutes Seufzen ging durch unsere Gruppe als er tatsächlich die goldene Kloppbürste hervorzog. Das hatte ich befürchtet. Allerdings hatte ich mich damit fast schon abgefunden.
„Du musst den Kackpunkt da treffen“, erklärte der Mann.
Er deutete auf die Zielscheibe, in deren Mitte ein gelber Punkt angebracht war. Natürlich. Ein Kackpunkt. Hatte ich etwas anderes erwartet?
Ich legte ein paar Münzen auf den Tresen. „Geht besser ein paar Schritte zurück“, riet ich den anderen. „Ich werde gleich schießen.“
„Du meinst wohl scheißen“, flüsterte Hannes.
Meine Oma streckte ihre Hand aus und brachte ihn auf ihrer Schulter in Sicherheit.
„Oder so“, stimmte ich widerwillig zu.
Genauso widerwillig griff ich nach der Koppbürste. Also dann. Es half alles nichts. Schießlich wollten wir die Ziege gewinnen.
„Was für eine schöne Arschsicht“, meinte der Mann zu mir.
„Hey, pass auf was du sagst.“ Blue hatte eine Hand an seinen Schwertgriff gelegt und funkelte den Schißstandbesitzer wütend an.
„Schon gut!“ Er hob entschuldigend die Hände und trat zur Seite, um mir Platz zu machen.
Okay. Ruhig bleiben. Zielen. Nicht daran denken was genau ich gerade in der Hand hielt. Ich hatte einen Schitplan und ich würde ihn umsetzen, egal wie eklig das war. Nervös kackte der Schißstandbesitzer mit den Fingern und ich versuchte nicht darüber nachzudenken wie genau er das gemacht hatte.
Ich zielte, schoss, und…
„Keine Sorge. Es passiert jedem Mal, dass er über das Ziel hinausscheißt“, versuchte mich der Mann zu trösten. „Dieses Spiel ist sehr hart zu kacken.“
Das glaubte ich ihm aufs Wort. Wohin genau mein Schuss, äh Schiss, äh… was auch immer geflogen war, wollte ich lieber nicht wissen.
„Gibt her“, seufzte Blue. „Ich mache das. Ist doch schießegal wer die 50 Punkte zusammenbekommt.“
"Das musst du nicht machen. Echt nicht“, versuchte ich ihn halbherzig zu überzeugen. Wenn ich wirklich ehrlich war, wollte ich doch, dass er das machte.
Blue rollte nur mit den Augen und nahm mir die Kloppbürste aus der Hand. „Ich habe mit dem Ding schon mal geschissen. Du nicht. Gib her.“
Da hatten wir auch schon den zweiten Vorteil des Liebestranks. Er konnte ein echter Gentleman sein, wenn er es darauf anlegte. Das hier beeindruckte mich weit mehr, als er es in irgendeinem Kampf gegen Monster je tun könnte.
So schnell wie möglich zog ich mich zurück und beobachtete alles lieber aus sicherer Entfernung. Blue schien ebenfalls zu zielen, schiss – und Treffer! Freundschaf gab ein fröhliches „Mäh!“ von sich, als das braune Geschoss, das aus dem Ende der goldenen Kloppbürste gekommen war, den gelben Fleck auf der Zielscheibe in einen braunen verwandelte. Igitt. Das hier war immer noch genauso eklig wie das erste Mal, als wir diese spezielle magische Waffe gefunden hatten. Dabei hatten wir gehofft sie gut genug versteckt zu haben, dass sie niemals wieder jemand finden würde.
Immer wieder zielte Blue, immer wieder traf er ins Gelbe. Nur sehr wenige Schisse gingen daneben. Einer davon war besonders denkwürdig, denn er traf den Schißstandbesitzer, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt. Sein T-Shirt war nun getränkt in Scheiß. Ihn schien das nicht groß zu stören (vermutlich musste er sowas regelmäßig ertragen) und so zog er das Shirt einfach aus und warf das zusammengekotete Kleidungsstück in eine Ecke der Hütte.
Ein weiteres Mal wurde er gegen Ende des Gewinnspiels getroffen, dieses Mal recht hart. Leicht schwindlig rutschte er von seinem Schiß und setzte sich zurück auf seinen Platz am Rand des Schißstands, wobei er ein wenig torkelte. Danach blieb er glücklicherweise sitzen, seinen Kopf in den Kacken gelegt, und schaute Blue beim Scheißen zu. Alle atmeten erleichtert auf, als er endlich den fünfzigsten Treffer erzielte.
„Glückwunsch! Welchen Preis hätten Sie gerne?“, fragte der Schißstandbesitzer.
Blue deutete auf die Ziege.
„Nicht lieber den Panda? Der ist bei den Damen sehr beliebt“, meinte der Mann.
„Nein, die da bitte.“
Der Besitzer zuckte nur mit den Schultern und händigte dem glücklichen Gewinner das unscheinbar wirkende Plüschtier aus. Jetzt war ich gespannt. Wenn wir das alles ganz umsonst durchgestanden hatten, würde ich den Zeigefinder in den nächsten Fluss werfen, an dem wir vorbeikamen.
„Hier, meine Herzensdame“, meinte Blue und überreichte mir mit einer leichten Verbeugung die Ziege.
„Ähm… danke. Und danke dafür, dass du das übernommen hast. Wir würden hier immer noch stehen, wenn ich das hätte machen müssen.“
Meine Schießkünste mit dem Bogen waren ja allseits bekannt. Schlecht war ich nicht, nur schien ich besser darin zu sein diverse Gegenstände zu verschießen, die eigentlich nicht dazu geeignet waren. Wobei… da müsste ich eigentlich prädestiniert für die Kloppbürste sein.
Um meinen Gedanken nicht weiter nachhängen zu müssen, nahm ich die Ziege entgegen. Sie sah wirklich sehr lebensecht aus.
„Mäh“, machte Freundschaf und stupste mich wieder mit seiner Nase an.
Ich hielt ihm die Ziege vor die Schnauze. Auch diese bekam einen Stups mit der Nase verpasst, ein gruselig anmutendes Meckern erklang und plötzlich stand eine echte, lebendige Ziege vor uns und stupste Freundschaf zurück.
„Ich nehme mal an du bist die Einziege“, sagte ich zu dem Tier, das in unserer Mitte erschienen war.
Die Ziege meckerte bestätigend, was ich mal als Ja nahm. Freundschaf schien jedenfalls so aufgedreht zu sein wie selten zuvor. Es ließ eine ganze Folge von „Mäh, mäh, mähs“ hören und sprang um seine Freundin herum wie ein junges Lämmchen.
„Na immerhin hat sich der Blödfug gelohnt“, meinte Blue.
„Ich habe auch Andenken“, ließ der Schißstandbesitzer plötzlich vermelden. „Hier, künstliche Kacke zum Beispiel.“
Er hielt uns einen Plastikhaufen hin. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest krallte er sich in die Kacke. Anscheinend war er noch nicht ganz darüber hinweggekommen, dass sich vor seinen Augen einer seiner Preise in eine lebendige Ziege verwandelt hatte.
„Ich habe auch portable Klos, falls ihr mal auf Reisen seid. Das sind so Pappklos für unterwegs. Ein paar davon wurden mir schon mal gestohlen, zehn Stück“, meinte er.
„Wer klaut denn Klokisten?“, flüsterte Hannes entgeistert.
„Da sind sie wohl mit zehn Klos zu viel gestartet“, meinte ich. „Ich kann mir nicht vorstellen wozu man die haben wollen würde.“
„Vielleicht für Notfälle“, mutmaßte meine Oma.
„Genug von dem Gerede über Klos und Schiss! Ich habe genug davon für den Rest meines Lebens. Danke für das Angebot mit den Andenken, aber ich bin froh, wenn ich diesen Vorfall so schnell wie möglich wieder vergessen kann“, entschied Blue schisslich.
Ich konnte ihm nur von Herzen zustimmen. Nachdem wir uns von dem Schißstandbesitzer verabschiedet hatten, machten wir uns auf den Weg zurück nach Romantika – zusammen mit der Einziege, die sich in verschiedensten Mäh- und Meckerlauten mit Freundschaf zu unterhalten schien.