Donnerstag, 27. November 2014

27. Kapitel



„Meinst du Mia und Blue sind in Ordnung?“, fragte Marga.
„Das hast du zwanzig Mal in der letzten halben Stunde gefragt. Und vor einer halben Stunde sind wir losgeritten. Natürlich sind sie in Ordnung“, antwortete Phoenix.
Marga war nicht überzeugt. Sie war immer noch der Meinung, dass es keine gute Idee gewesen war sich zu trennen. Von ihrer normalerweise immer guten Laune war nichts übrig. Dass sie Mia alleine in die Fantasygegend ziehen ließ und die Tatsache, dass sie und Phoenix gerade in die schrecklichste Ecke der Region Deutschland unterwegs waren, half nicht um die Laune zu heben.
„Was wenn ihnen etwas passiert? Wie sollen wir davon erfahren?“
„Sie haben doch die Gedankenspinne. Selbst wenn sie gefangen genommen werden wird Mia wohl kaum jemand die Spinne abnehmen, also könnten sie uns oder Mr. Ian Woon um Hilfe bitten. Außerdem ist Freundschaf dabei“, versuchte Phoenix sie zu beruhigen.
„Freundschaf? Es ist ein Schaf. Was kann das schon ausrichten?“
„Mehr als du denkst. Sonst hätte die Oberin es uns nicht mitgegeben.“
„Was denkst du denn was es kann?“ Wenn sie die sonst so schweigsame Phoenix weiter am Reden hielt würde sie das eventuell von ihrer Enkeltochter ablenken.
„Das weiß ich nicht so genau, aber nichts im NaNo-Land ist wie es scheint.“
„Ja, das habe ich auch schon verstanden. Aber bisher hat das Schaf nicht viel gemacht, oder?“ Marga kratzte sich an der Nase.
„Wissen wir das?“ Sie hielt kurz inne. „Es könnte so Einiges gemacht haben, ohne dass wir es mitbekommen haben.“
Phoenix sagte nichts mehr und so wurde sie mit den besagten Sorgen für eine ein paar weitere Stunden allein gelassen. Wie um ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen verdunkelte sich der Himmel. Die Landschaft wurde mit jedem Schritt, den ihre Pferde machten, kärger. Seit sie von der Drachenschenke losgeritten waren hatten sie den Wald zu ihrer Rechten gehabt. Bisher hatte er freundlich und einladend ausgesehen, mit den Blättern, die sie langsam bunt färbten. Nun jedoch bestand er hauptsächlich aus dunklen Tannen, die sie anklagend anzusehen schienen.
„Wir nähern uns der Horrorgegend“, bestätigte Phoenix ihre Vermutung.
„Warst du schon hier?“ Marga hatte zwar in ihrer Zeit einige Reisen durch das NaNo-Land unternommen, doch selbst sie hatte sich nie in die Horrorgegend getraut. Wer wollte da auch Urlaub machen?
„Einmal, ja. Es ist kein Erlebnis, an das ich gerne zurückdenke.“
Marga wollte weiter nachhaken, doch Phoenix legte den Finger an die Lippen. „Hier beginnt die Gruftschaft. Es wird gemunkelt, dass der Graf ein Vampir ist. Ab hier müssen wir vorsichtig sein. Wir können niemandem vertrauen und dürfen uns so wenig Leuten zeigen wie möglich.“
Leicht missbilligend musterte sie Margas Robbe, deren schneeweißes Fell unter dem grauen Himmel noch stärker zu leuchten schien. Auch die lila Kleidung und der zerknautschte Samthut schienen der Begutachtung nicht standzuhalten.
„Vielleicht sollten wir uns umziehen“, schlug Phoenix schließlich vor.
Marga, der die Musterung wohl aufgefallen war, schob die Unterlippe vor. „Meine Kleidung ändere ich nicht. Wenn du das machen willst, gerne.“
Phoenix seufzte, sagte aber nichts weiter dazu. Wenn sie schon in so einer tristen Gegend unterwegs waren, dann würde wenigstens ihre Kleidung farbenfroh sein. Das würde sie sich nicht nehmen lassen. Außerdem würde ihr Aufzug sonst nicht mehr zu ihrem lila Schirm passen und den würde sie bestimmt nicht aus der Hand geben.
Der Himmel wurde immer dunkler. Die Wolken türmten sich zu hohen Gebilden auf, die beim nächsten Windstoß in sich zusammenzustürzen schienen. Der Wind hatte auch aufgefrischt und Marga zog ihre Robbe enger.
Auf einmal gab es einen gleißenden Blitz, gefolgt von einem Donnerschlag, der sich anhörte als hätte jemand neben ihrem Ohr auf eine Pauke geschlagen. Ein klatschendes Geräusch neben der Straße kündigte an, dass es begonnen hatte zu regnen. Nur hatte sich das Klatschen merkwürdig angehört, als würde ein ganzer Wassereimer ausgekippt werden anstatt nur ein paar Tropfen. Außerdem hatte es fest als Wasser geklungen.
Marga wollte gerade fragen was es damit auf sich hatte, als erneut ein Klatschen erklang, dieses Mal auf der Straße direkt vor ihnen. Ein Blitz erhellte den Himmel und beleuchtete für einen Moment die Szene direkt vor ihnen.
„Das“, sagte Marga nur „ist kein Regen.“
Vor ihnen lag ein abgetrenntes Bein. Von was genau es war konnte sie nicht sagen, doch es war mit Fell bewachsen und recht groß. So groß wie ihr Unterarm vielleicht.
Erneut ertönte das Klatschen, dieses Mal hinter ihnen. Als sie sich umdrehte konnte sie die Umrisse eines Beines erkennen, das sie ohne Probleme hätte erschlagen können, wenn es sie am Kopf getroffen hätte.
„Wir müssen Unterschlupf finden!“, rief Phoenix ihr zu.
Schon preschte sie mit dem Pferd voran. Über den erneuten Donner konnte Marga die Aufprälle der Beine nicht hören, doch auf der Straße tauchten immer mehr von ihnen auf. Das hier war das wohl ekligste Gewitter in dem sie je unterwegs gewesen war.
Die Beine fielen nun immer schneller und der Wind hatte ebenfalls zugenommen. Er wehte ihnen ins Gesicht als wollte er ihr Fortkommen besonders erschweren. Er war sogar so stark, dass die Beine nicht mehr senkrecht vom Himmel fielen, sondern es Beine waagerecht zu regnen schien. Es war wie aus einem Horrorfilm.
Vor sich konnte sie bei jedem Blitzschlag Phoenix erkennen, die anscheinend einen Plan hatte. Sich in den Wald zu begeben war jedenfalls keine gute Idee, so viel war Marga auch klar. Erstens würden es die Beine vermutlich trotzdem bis auf den Waldboden schaffen und zweitens könnte ein Blitz in einen der Bäume einschlagen.
Wie zur Bestätigung gab es einen besonders lauten Schlag. Die Welt wurde einen Moment lang weiß und eine der Tannen zu ihrer Rechten ging in Flammen auf. Im Licht des Feuers konnte sie aber erkennen auf was Phoenix zusteuerte. Ein windschiefes Haus, das mit mehreren Balken gestützt wurde damit es nicht umfiel, lag vor ihnen direkt am Weg. In den Fenstern brannte Licht.
Marga trieb ihr Pferd noch mehr an, weiter auf die Taverne zu. Allerdings schienen sie sich nur sehr langsam zu nähern, weil der Sturm sie ziemlich verlangsamte und sie ganz schnell langsam sein ließ. Ein Bein traf sie am Arm. Es sah verdächtig nach einem Menschlichen aus, doch sie schüttelte es ab statt es sich genauer anzusehen. Die Straße vor ihnen war gefährlich mit den fallenden Beinen zugeregnet. Die Pferde mussten aufpassen wohin sie traten, was das Fortkommen weiter erschwerte.
Marga blieb fast das Herz stehen als Phoenix vor ihr einen spitzen Schrei ausstieß und beinah vom Pferd kippte. Ein Bein hatte sie am Kopf getroffen. Sie sackte auf ihrem Pferd zusammen und drohte herunterzurutschen.
„Schneller!“, schrie Marga ihrem eigenen Pferd zu.
Sie erreichte Phoenix gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass diese vom Pferd rutschte. Marga übernahm die Zügel und führte beide Pferde die letzten paar Meter bis zum Haus. Ein Schild über der Tür bezeichnete das Haus als „Hakenfisch“, eine Taverne. Ein angrenzendes Gebäude schien der Stall zu sein, in dem bereits einige Reittiere standen. Eins davon war eine schwarze Echse mit Sattel, die Marga aus gelben Augen anstierte als sie die Pferde möglichst weit von der Echse entfernt anband.
Danach ließ sie Phoenix vorsichtig vom Sattel gleiten. Die Frau stöhnte und ihre Lider flatterten. Dann schlug sie die Augen auf.
„Wir haben es geschafft“, sagte Marga zu ihr.
Über ihnen auf dem Dach des Stalls schlugen die Beine ein und veranstalteten einen Höllenlärm. Die Pferde hatten sich mit vor Schreck weißen Augen ganz in die eine Ecke des Stalls gedrückt.
„Komm schon.“
Marga legte behutsam einen Arm um Phoenix und half ihr die Schritte bis zum Eingang zu gehen. Dabei hielten sie sich unter dem Dachüberstand, um nicht von Beinen getroffen zu werden, die sich bereits zentimeterhoch auf der Straße und den Wiesen türmten.

Mittwoch, 26. November 2014

Ninjas und Schweinwerfer

Nach langer Zeit mal wieder ein Bild. Gerade habe ich sehr viel um die Ohren, auch neben NaNo. Zum Beispiel muss ich für eine Chemieklausur lernen und Stunden für die Schule vorbereiten. Vielleicht kommen im Dezember mehr Bilder nach, denn ein paar Ideen habe ich noch.

Die Qualität der Bilder ist nicht so toll, das weiß ich selbst, aber momentan kann ich sie nur abfotografieren und nicht einscannen. Irgendwann ersetze ich alle durch Scans (Schon geschehen!).
Bis dahin hoffe ich, dass euch das Bild trotzdem gefällt. :)

26. Kapitel



„Guten Morgen, Schafmütze“, begrüßte ich Blue sobald er die Augen aufschlug.
Einen Moment lang blinzelte er verwirrt während er seinen Kopf abtastete, um zu sehen warum ich ihn so geweckt hatte. Die Mütze war weiß und hatte auf der Vorderseite das Gesicht eines Schafs mit einem Kleeblatt an der Seite. An den Seiten hingen insgesamt vier Beine herunter, zwei auf dem Rücken und zwei, die rechts und links von Blues Kopf auf seinem Shirt baumelten.
„Warum habe ich eine Schafmütze auf?“, fragte er und riss sich das Ding vom Kopf. „Und warum liege ich auf einem Pferd?“
„Deine Ohren hatten angefangen zu wachsen und um sie daran zu hindern… naja.“ Ich deutete auch die Schafmütze am Boden. „Und ich dachte Beine hochlegen hilft vielleicht um den Zauber schneller vergehen zu lassen. Ich weiß nicht ob es funktioniert hat. Aber deshalb das Pferd.“ Ich deutet auf das Pferd, das sich mittlerweile aufgerappelt hatte und zum Grasen auf die Wiese trabte.
„Woher hattest du die Schafmütze?“
„Die hatte Oma mir eingepackt. Sie ist manchmal etwas überfürsorglich.“
Tatsächlich war ich froh gewesen die Mütze zu finden als Blues Ohren langsam aber sicher die Form von Eselsohren angenommen hatten. Das war gewesen nachdem Blue2 irgendwann mit einem Plopp verschwunden war und ich gedachte hatte endlich schlafen zu können. Stattdessen hatte natürlich sowas passieren müssen. Ich wollte gar nicht wissen wie ich mittlerweile aussah und bereute es mittlerweile den armen Kellner in Schreibstadt im Stillen immer Vampir genannt zu haben.
„Wo sind wir?“ Blue sah sich verwirrt um. „Ich glaube ich leide an Schafstörungen“, meinte er und rieb sich die Augen.
„Ich dachte es wäre das Beste uns ein wenig vom Saubertrank wegzubekommen. Spätestens wenn die ganzen Magier uns draußen gesehen hätten wäre irgendwas passiert. Die waren ja alle total dicht. Also habe ich uns hierher gebracht. Mich, Freundschaf, dich und deinen Doppelgänger.“
„Wo ist der eigentlich?“
„Plopp“, erklärte ich nur.
„Gut. Der Typ ist mir tierisch auf die Nerven gegangen“, stöhnte Blue und hielt sich den Kopf. „Bin ich echt so nervig?“
„Die Frage beantworte ich besser nicht. Komm, wir sollten los. Immerhin müssen wir zum Könling. Du hast nicht vergessen, dass wir einen Auftrag zu erledigen haben, oder?“
Ich packte unsere Sachen zusammen während Blue sich immer noch den Kopf hielt. Gut so. Das würde ihm hoffentlich eine Lehre sein irgendwelche Sachen zu trinken, die einen angeblich in der Zeit reisen ließen.
Schon bald waren wir wieder auf dem Weg. Beide hingen wir mehr über unseren Pferden, als dass wir saßen. Blue, weil er den schlimmsten Hangover aller Zeiten hatte, ich weil ich so müde war wie schon lange nicht mehr und sich anscheinend ein Schnupfen ankündigte. Einzig Freundschaf war gut gelaunt, und mein Plotbunny. Ich hatte die Zeit in der Nacht genutzt, um ihm ein wenig Wortsalat zu schreiben. Außerdem hatte ich ein wenig vorgeschrieben, damit ich es regelmäßiger füttern konnte.
Ich begann zu niesen und hörte plötzlich ein leises Kichern in meinem Kopf.
„Hallo?“
„Was ist?“, kam die Antwort von Blue.
„Nicht, ich dachte nur. Hatschi!“ Das Lachen ertönte wieder. „Wer lacht da so blöd!“
„Oh, ich glaube ich weiß was los ist.“ Blue grinste. „Du hast dir über Nacht wohl einen leichten Spott eingefangen.“
„Was ist ein – hatschi!“, nieste ich und mein Kopf fing schon wieder an zu scherzen. Das dürfte doch nicht wahr sein!
„Das ist eine Krankheit aus der Comedygegend. An der Grenze ist sie recht häufig anzutreffen, vor allem wenn man viel gelacht hat. Hast du viel gelacht?“, wollte er wissen.
„Nein. Aber dein Doppelgänger. Also bist du Schuld, dass ich mir einen Spott eingefangen habe! Hatschi!“, beendete ich den Satz und das Lachen erklang wieder. „Na super. Wie lange muss ich jetzt damit rumlaufen?“
„Das legt sich meistens nach einem Tag, keine Sorge. Pass nur auf, dass du niemandem einen Schalg oder Schalk versetzte. So überträgt sich das nämlich.“
Wir kamen an einem verfallenen Beifallsturm vorbei und Blue zügelte sein Pferd. „Wir sind zu weit in der Comedygegend. Wir müssen zurück. Zeig doch mal die Katze.“
Die hatten wir ebenfalls von Oma und Phoenix mitbekommen, da sie zwei der Meinung waren wir würden uns am ehesten verlaufen.
„Vergiss es! Nachher kotzt du noch auf das arme Ding. Ich übernehme das.“
Ich zog die Faltkatze aus meinem Rucksack und begann sie glattzustreichen. Blue streckte die Hand nach der Katze aus, doch ich riss sie an mich.
 „Zeig doch mal.“
„Nein! Du schuldest mir immerhin was!“, rief ich wütend.
Ich hielt die Katze hoch in die Luft, doch er war größer als ich und seine Finger streiften die Katze. Also bestrafte ich den Versuch mit einem Schalg ins Gesicht.
„Hey! Was soll das denn?“ Ich holte zu einem weiteren Schalk aus, doch Blue hob die Hände. „Ich ergebe mich! Man, Mädchen! Du hast sie nicht mehr alle!“
Grummelnd ließ sich Blue zurück in den Sattel sinken während ich die Katze vor mir hielt.
„Wir sind also beim Beifallsturm. Wenn wir nach Westen reiten sollte ein Dorf in Sicht kommen. Von dort können wir dann weiter zum Könling reisen.“
Ich faltete die Katze wieder zusammen und steckte sie in meinen Rucksack. Blue sah mich wütend an.
„Beschwer dich nicht! Ich habe gestern gleich zwei von dir an der Backe gehabt.“
Blues Laune hob sich etwas als sich meine Vorhersage bewahrheitete und das Dorf in Sicht kam. Es war recht groß, fast schon eine kleine Stadt.
„Vielleicht gibt’s da was zu Essen!“
Blue ließ sein Pferd im Trab gehen bis er die ersten Häuser des Dorfes hinter sich gelassen hatte. Ich schloss schnell auf und sogar Freundschaf begann zu rennen, um mitzuhalten. Ich stoppte mein Pferd allerdings als ich einen Aushang an einem Scheunentor bemerkte.
„Mann wird als Betrüber hingerichtet werden“, las ich. „Hey, das ist heute! In der Comedygegend anscheinend.“
Des Weiteren wurde ich informiert, dass heute ein Friedkicher-Tag war. In der Beschreibung stand, es bedeutete, dass heute alle in Frieden kichern konnten. Gut zu wissen. Dann war mein Spott wenigstens legal. Obwohl der in der letzten Stunde langsam abgeklungen war.
Blue hatte mich nicht gehört und ich würde bestimmt nicht fragen was ein Betrüber war. Vielleicht jemand der Leute betrübt machte. In der Comedygegend war das vermutlich ein schlimmes Verbrechen. Ein anderes Plakat am selben Scheunentor pries die Vorteile der Witzenrente an.
„Hallo“, hörte ich Blue zu jemandem sagen. Als ich mich umdrehte sah ich, dass er mit einem kleinen Mädchen redete. „Kannst du mir vielleicht sagen wo es hier ein Gasthaus gibt?“
Aber sie sagte nichts, sie lächelte nur. Sie war echt, saß da und lächelte. Sie lächelte ihn an und dieses Lächeln war ihm gewidmet. Das Lächeln, was sie lächelte, war ein wahres Lächeln, wie sie es noch nie gelächelt hatte.
„Sag mal, kann die auch aufhören zu lächeln?“, flüsterte Blue mir zu. „Ich finde das langsam echt gruselig.“
Er wartete noch einen Moment ob sie ihm eine Antwort geben würde, doch als sie nur weiter lächelte wendete er das Pferd und ritt in die Richtung, in der auch ich die Mitte des Dorfes vermutete. Der Turm einer Krieche ragte über den Dächern auf, was immer ein guter Anhaltspunkt war.
Tatsächlich fanden wir hier einige Läden. In einer Seitengasse standen außerdem Birnen und warteten auf Kundschaft. Wie praktisch wenn sich das Obst selbst verkaufte! Wir waren mittlerweile von den Pferden gestiegen und führten sie neben uns her. Blue blieb am Fenster einer Bäckerei stehen.
„Ich glaube hier hole ich mir was. Warte kurz hier.“
Er war im Begriff mir die Zügel seines Pferdes in die Hand zu drücken, als sich zwei Brote im Schaufenster in die Arme fielen. Oder in die Semmeln. In was auch immer.
„Ich leibe dich! Weißt du das?“, rief das eine.
„Ich leibe dich auch. Schon seit langem!“
Dabei schrien sie aus Laibeskräften und die anderen Gebäckstücke im Fenster sahen sie befremdlich an.
„Vielleicht hole ich mir doch lieber nichts…“
„Was soll denn das jetzt heißen?“, beschwerten sich einige Muffins im Schaufenster. „Nur weil die zwei Knallköppe da sich nicht zusammenreißen können willst du uns andere auch nicht mehr? Frechheit! Auf ihn mit Gebrüll!“
Das Gebäck startete seine Attacke, indem es als erstes die Schaufensterscheibe zu Bruch gehen ließ. Eine Giraffe in einem Strickpullover, die auf der anderen Straßenseite gestanden hatte, zuckte zusammen und rannte davon. Für uns war es leider zu spät. Ich hatte ganz schön Muffinsausen, denn die Muffins sausten gerade durch die Luft und landeten mit der Schokoladenseite nach oben in meinem Gesicht.
„Waaaah! Mach das weg, mach das weg!“, kreischte Blue.
Auch ich war von Gebäck umschwärmt. Mit den Armen rudernd versuchte ich mich gegen die Süßigkeiten zu verteidigen. Einige von ihnen zertrat ich unter meinen Füßen. Über allem war das Rufen des Bäckers zu hören, der endlich bemerkt hatte was seine Kreationen angefangen hatten.
„Was macht ihr mit meinen Muffins! Nein!“
„Was machen wir mit den Muffins? Eher was machen die mit uns! Die Dinger…“
Ich konnte nicht weitersprechen, da einer der Muffins in meinem Mund gelandet war. Ich begann zu kauen und aß den Muffin ganz einfach auf. So, das hatte er davon. Und schmecken tat er auch ganz gut. Doch auf einmal spürte ich wie mir das Brot in den Kopf schoss. Das Gebäck hatte aus einem Kuchenblech eine Art Rampe gebaut, über die es nun einen Laib Brot nach dem anderen auf uns abfeuerte.
„Au. Au! Aufhören!“
„Nein!“, hörte ich plötzlich einen Schrei. „Ich leibe dich doch!“ Und eins der Brote wegen denen alles angefangen hatte landete an meinem Kopf.
„Jetzt reicht’s mir aber!“
Am liebsten hätte ich sie alle abgemust, aber die Lebensmittel zu Mus zu verarbeiten war erstens zu gut für die Mistdinger und dauerte zweitens zu lange. Also griff ich in das Schaufenster hinein und riss den Gebäckstücken das Blech aus der Hand… äh, oder mit was auch immer die das hielten.
Damit schlug ich alle Muffins, die noch in der Luft herumsausten bis sie auf dem Boden der Tatsachen ankamen. Wo sie dann prompt unter meinen Stiefeln zerquetscht wurden. Das war nah genug an Mus. Dasselbe tat ich für Blue, der ebenfalls von Gebäck belagert wurde, sogar noch mehr als ich, da er derjenige war, der die Muffins verschmäht hatte.
Danach war Blue allerdings kreideblech im Gesicht, denn mit dem Teil hatte ich ihm aus Versehen einen Schlag verpasst. Da das mehlig gewesen war, sah er nun aus als wäre er in eine Mehltüte oder eine Schachtel mit Kreide gefallen.
Das Blech als Schild benutzend zogen wir uns zurück bis das Gebäck einen zu weiten Weg zurücklegen musste um uns zu erreichen.
„Mein schönes Gebäck!“, heulte der Bäcker, machte aber keine Anstalten uns zu folgen.
Unsere Pferde hatten sich während der Muffinattacke losgerissen und standen am anderen Ende des Platzes. Eins davon kaute auf etwas, das hoffentlich Brot und keine Schokolade war.
„Einen schlimmeren ersten Eindruck hätten wir wohl kaum machen können“, murmelte ich und sah zu Blue hinüber.
Der war von oben bis unten mit Schokolade bedeckt, da auch ihm die Muffins ordentlich zugesetzt hatten. Die Beule auf der Stirn, die ich ihm mit der Feige verpasst hatte, hatte neue Farben bekommen. Vermutlich hatte ihn dort ein Brot getroffen.
„Was machen wir denn jetzt? Ich will unbedingt etwas zu essen bekommen“; heulte er.
„Ehrlich? Du kannst jetzt noch ans Essen denken? Ist in deinem Kopf eigentlich noch Platz für was anderes?“, schrie ich ihn an.
Er öffnete den Mund um mir zu antworten, doch stattdessen starrte er über meine Schulter auf den Platz, den wir soeben überquert hatten. Eine Menschenmenge hatte sich dort versammelt. Einige sahen noch auf das Chaos, das beim Bäcker angerichtet worden war und den Bäcker selbst, der weinend zwischen seinen zertretenen Muffins saß. Andere hatten uns entdeckt. Vollkommen beschmiert mit Schokolade. Wir mussten sehr schuldig aussehen.
„O-oh.“
Knarrend klappten sich die Leute auseinander.
„Und was ist das jetzt wieder? Leute getarnt als Stühle?“
„Sowas in der Richtung.“
Ich starrte auf die Menschen – oder was auch immer es waren – deren Gliedmaßen sich gerade streckten. Das Knarren klang in meinen Ohren und bohrte sich in mein Gehirn.
„Und was sollen wir tun?“, fragte ich Blue, der mit offenem Mund die Stuhlmenschen beobachtete.
„Lauf!“
Doch als wir uns umdrehten waren dort ebenfalls sich verformende Leute zu sehen. Arme und Beine wurden länger, verknoteten sich oder verwuchsen. Die Leute waren nicht einmal mehr als Menschen zu erkennen. Ich wich einen Schritt zurück, doch hielt dann inne. Auf allen Seiten spielte sich dasselbe ab. Wir saßen in der Klappmühle.

Dienstag, 25. November 2014

25. Kapitel



„Hey, ich habe das Gefühl schon seit Tagen nicht mehr mit mir gesprochen zu haben!“
Blue2 vernichtete den Rest seiner vierten Sekunade und stupste Blue1 an, der den Kopf in den Händen vergraben hatte. Er sah so aus als sei er total besoffen von dem was eben passiert war.
Die Stimmung im Saubertrank hatte ihren Höchstpunkt erreicht. Es waren nun drei Dutzend Magier im Gebäude, jeder von ihnen breit. Ich fragte mich wie viele Becher allein der Schwanentyp schon gelehrt hatte, denn er war von Schwänen zu Flaschen übergegangen. Nach einer kurzen Unterhaltung mit ihm verwandelten sie sich jeweils in Falschen. Das erklärte dann wohl wie diese ganzen Falschen zustande kamen, obwohl ich immer noch die flasche Hoffnung hatte, dass er sie dazu überreden würde sich zurückzuverwandeln.
Ein anderer Magier hatte begonnen Eier zu bedrucken, was ein anderer mit den Worten „wie beeidruckend!“ kommentiert hatte. Ich jedenfalls hatte nicht mit einer Eimischung gerechnet und starrte ihn unverhohlen an bis die beiden Blues meine Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkten.
„Hey, du!“, versuchte Blue2 den stöhnenden Blue1 in ein Gespräch zu verwickeln. „Willst du nicht mit dir reden? Ich will aber mit mir reden! Also Kopf hoch!“
„Ich will einfach nur weg von mir“, beschwerte sich Blue1 und sah mich an. „Bitte, mach, dass das aufhört! Ich will weg von mir!“
„Tja, selber schuld. Du musst warten bis die Wirkung verfliegt. Wobei ich mir nicht sicher bin wie schnell das ist wenn der Typ da weiterhin eine Sekunade nach der anderen trinkt“, bemerkte ich.
Blue2 hatte schon wieder ein Glas geleert und winkte die Wirtin zu sich heran. Diese musste um einen Mann herummanövrieren, der mit einem verbüfften Ausdruck auf dem Gesicht am Boden lag. Das war leicht damit zu erklären, dass ihm ein Büffel auf der Brust saß, den ein fehlgeleiteter Zauber hatte entstehen lassen.
Der Rest seiner Kumpane war nicht besser dran. Ein Stück Stoff eines Zauberers warf immer wieder Falken, welche die kleinen Hobelschwäne um die Lampe jagten. Ein anderer lauchte laut auf – was bedeutet, dass ihm jedes Mal wenn er lachte Lauch aus dem Mund kam. Der ganze Tisch war schon voll davon.
Blue1 stöhnte. „Ich habe fruchtbare Kopfschmerzen. Und die ganze Welt ist flaschrum.“ Er schielte zum Nachbartisch, wo gerade wieder eine Falsche entstanden war.
Das machte sogar halbwegs Sinn. Wenn dort aus Flaschen Falschen wurden, dann wurde hier eben aus falschrum flaschrum. Es musste immer ein Gleichgewicht geben.
„Na siehst du, Mia!“ Blue2 schlug mir auf die Schulter. „Dem geht’s doch gut! Kopf hoch! Du bist hier wirklich beleibt!“
Bitte was? Ich starrte Blue2 entgeistert an, während Blue1 immer noch etwas von „flaschrum“ und „fruchtbaren Kopfschmerzen“ stöhnte. Die Aussage von Blue2 wurde allerdings sofort in Frage gestellt als einer vom Nachbartisch etwas zu mir herüberschrie, das das Wort „Spielverdreberin“ enthielt.
„Ich mag dich sehr, weißt du das? Ist doch egal was der Rest der Welt sagt – in meinem Heim wird du immer als willkommen und beleibt gelten“, meinte Blue2 daraufhin.
„Danke sehr. Obwohl das beleibt nicht unbedingt sein musste.“ Ich nahm ihm mal besser das Glas Sekunade weg, an dem er gerade trank.
Das mit dem Gleichgewicht ließ sich vielleicht auf beide Blues anwenden. Der eine bekam die positiven, der andere die negativen Einflüsse der Sekunade zu spüren. Ich konnte nur hoffen, dass er sich morgen zumindest an die Negativen erinnern würde und in Zukunft dem Alkohol fernbleiben würde. Vor allem wenn der auch noch verzaubert war.
„Okay. Jetzt ist Schluss.“ Ich legte genug Geld auf den Tisch, um für die Sekunaden zu zahlen, dann legte ich einen Arm um Blue1 und hievte ihn aus seinem Stuhl. Blue2 sah interessiert zu, bis ich ihn anfuhr „Du kommst am besten auch mit, da du auch von der Magie besoffen warst. Oder bist. Was auch immer. Beweg deinen Hintern!“
Widerwillig stand er auf und folgte mir als ich versuchte uns durch die Magier zu bugsieren. Die hatten inzwischen damit begonnen sich gegenseitig ihre Unterwäsche zu zeigen.
Blue2 lachte nur. „Magische rosa Unterwäsche! Die war vor einigen Jahren der Renner, aber mittlerweile ist die total out. Soll ich euch mal zeigen was…“
Doch bevor er seinen Hosen herunterlassen konnte hatte ich ihn zur Tür hinausbugsiert und ins Gras geworfen.
„Sag mal hast du sie noch alle? Hummel nochmal, Blue, es kann doch nicht so schwer sein sich ein bisschen zusammenzureißen!“
Schmollend rappelte sich Blue2 auf. „Musste das sein? Das hat so viel Spaß gemacht.“
„Du“, fauchte ich ihn an, wobei er plötzlich ganz klein wurde. „Halt den.“ Ich übergab ihm Blue1, der nun endgültig ohnmächtig zu sein schien. „Ich gehe die Pferde holen. Rühr dich ja nicht von der Stelle. Und wenn ich auch nur einen Zipfel rosa Unterhose sehe, dann kannst du was erleben!“
Er öffnete den Mund, vielleicht um mir zu erklären was es mit der magischen rosa Unterwäsche auf sich hatte, doch ich funkelte ihn nur an. Das schien zu genügen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Die Pferde waren dort wo wir sie zurückgelassen hatten. Als sie mich kommen sahen, setzten sie zu einem Kommentar an, doch momentan schien der böse Blick bei mir super zu funktionieren, denn auch die brachte ich mit einem davon zum Schweigen. Die beiden Blues waren auch dort wo ich sie zurückgelassen hatte als ich mit den Pferden zurückkam. Ich verfrachtete beide zusammen auf ein Pferd, Blue1 vorne, Blue2 hinten, wobei ich dem die Anweisung gab ersteren festzuhalten. Ich selbst stieg auf mein Pferd und Freundschaf, das die Taverne bereits verlassen hatte nachdem die Falken angefangen hatten an seinen Ohren zu picken, trottete neben mir her.
Egal wohin es ging, alles war besser als hier zu bleiben und zu warten, dass die beiden Blues sich zu Tode soffen. Ich folgte der Straße, die vom Saubertrank wegführte. Irgendwann bog sie nach rechts ab. Zum Schloss des Könlings ging es geradeaus, aber ich brauchte vor allem eine Stelle wo wir die Nacht verbringen konnten.
Das stellte sich als eine kleine Baumgruppe heraus. Der Boden war durch ein paar heruntergefallene Blätter recht weich und die Bäume verschafften uns Schutz vor Blicken und Regen.
Ich half den beiden Blues vom Pferd und lehnte den Ohnmächtigen gegen einen Baum. In der Dummelheit waren seine Augen kaum zu erkennen, sodass ich nicht sehen konnte ob er inzwischen wieder wach geworden war.
„Moment mal. Dummelheit?“
„Dummelheit, Hummelheit, Dunkelhai“, kicherte Blue2.
„Lach nich so blöd!“, fuhr ich ihn an.
„Das macht die Comedygegend“, erklärte Blue2 und versuchte sich an einem ernsthaften Gesichtsausdruck. Das missglückte ihm kläglich und stattdessen fiel er hintenüber und brach wieder in Gegacker aus.
„Memo an mich“, flüsterte ich. „Magiebesoffen und Comedycamping zusammen sollten nach Möglichkeit vermieden werden.“
„Was genau hast du denn angesattelt?“, fragte der kichernde Blue2 den am Baum lehnenden Blue1.
Das brachte mich auf eine Idee. Ich sattelte eines der Pferde ab und schob es unter Blue1s Beine. Das war sowohl Strafe für das Pferd, als auch für Blue. Ich jedenfalls hatte die Nase gestrichen voll. Das Pferd protestierte, ergab sich aber irgendwann seinem Schicksal und blieb liegen. Vielleicht hatte es ein schlechtes Gewissen wegen dem Drachen. Blue2 kicherte wie verrückt. Ich lehnte mich gegen einen Baum und kämpfte dagegen an die Augen zu schließen.
Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass Blue2 auf keinen Fall abhanden kommen dürfte. Vielleicht würden sich die beiden sonst nie wieder zusammensetzen. Deshalb würde ich wohl die ganze Nacht wach bleiben müssen.
Freundschaf legte sich neben mich und gab ein müdes „Mäh“ von sich.
„Ich weiß. Ich auch.“