Montag, 8. Dezember 2014

38. Kapitel



Der Weg durch den Geheimgang war Mittagessen, der Weg durch den normalen Gang hatte eher Lust auf Frühstück gehabt und das Fenster wäre am liebsten Abendessen gegangen. Da es für Abendessen noch zu früh war, hatte es sich darauf verlegt einzuschlafen und es ließ sich nicht aufwecken, egal was ich versuchte. Das schränkte die Fluchtmöglichkeiten vor durchgedrehter Kücheneinrichtung stark ein.
Schließlich leitete der Prinz mich in eine Besenkammer, in der wir ausharrten bis die verrückten Möbel durch den Gang an uns vorbeigestürmt waren.
„Das war spaßig. Was machen wir jetzt?“, war sein Kommentar dazu.
Der Kerl musste definitiv öfter vor die Tür kommen. Zu meinem Ärger hatte er sich bereits mit meiner Robbe angefreundet, was vermutlich damit zusammenhing, dass der Prinz es sich auf meiner Schulter bequem gemacht hatte und sich ans Fell der Robbe klammern musste, um nicht herunterzufallen.
„Super, die Möbel wären wir los. Dann kann ich dich ja zurück in dein Zimmer bringen“, meinte ich.
Vorsichtig lugte ich aus dem Besenschrank und trat in den Flur sobald klar war, dass die Luft rein war. Niemand war weit und breit zu sehen. Vielleicht hatten die Bediensteten bereits von der Stampede der Kücheneinrichtung erfahren und hatten die Korridore räumen lassen.
„Vergiss es!“
„Warum nicht? Denkst du ernsthaft ich schleppe dich den ganzen Tag mit mir rum?“
„Ähm… die Möbel könnten auf ihrem Rückweg in die Küche durch mein Zimmer kommen. Ihre Laune wird bestimmt nicht besser sein als jetzt.“
Warum nur hörte sich das an als hätte er sich das Argument eben aus den Fingern gesogen? Was allerdings nicht hieß, dass er weniger Recht hatte.
„Meinetwegen“, seufzte ich und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Das, was einmal etwas gewesen war, das zumindest annähernd als Frisur zu erkennen gewesen war, hatte nun Ähnlichkeit mit einem Wischmop. Insofern war die Abstellkammer sehr passend gewesen.
„Aber quak mir bloß nicht ins Ohr. Außerdem werden keine Fliegen gegessen solange ich in der Nähe bin.“
Das wäre ja mal sowas von eklig. Darauf das zu sehen konnte ich verzichten. Ich hatte genug andere Probleme. Eins davon kam durch den Gang auf mich zugelaufen, und zwar in Gestalt des Wachmanns, der Blue und mich gestern zu unseren Zimmern geführt hatte. Er war komplett durchgeschwitzt, was bedeutete, dass er entweder gerade einen Marathon gelaufen war, oder das ganze Schloss nach mir abgesucht hatte.
„Schnell! Es ist der Könling!“, brachte er nur keuchend heraus.
„Was ist mit meinem Vater?“
Okay, die Bedingung mir nicht ins Ohr zu quaken hatte der Froschprniz schon mal gebrochen. Andererseits konnte ich ihm das nach der Aussage nicht verübeln. Der Wachmann starrte den Prinzen auf meiner Schulter an als hätte ich ein zweites Plotbunny ins Schloss geschummelt.
„Eure Hoheit! Ich wusste nicht, dass… Ihr seid aus Eurem Zimmer gekommen? Aber…“
„Was ist mit meinem Vater?“, wiederholte er, dieses Mal mit mehr Nachdruck und etwas in der Stimme, das nur Könige und Politiker auf die Reihe bekamen ohne total dämlich zu klingen.
„Man hat ihm einen verfluchten Gegenstand zukommen lassen und…“
„Was?!“
Das Fell der Robbe direkt an meiner Schulter zitterte und ich verstand, dass es der Froschprinz sein musste. Falls sein Vater gestorben war, würde er Könling werden? Wie würde das wohl aussehen wenn ein Frosch den Thron besteigen würde? Kein Wunder, dass der Kerl nervös war.
„Es hat ihn nicht so schlimm getroffen wie der Täter wohl gehofft hat, aber er wird immer geiriger!“
„Geirig? Verwandelt er sich in einen Geier oder was?“, fragte ich entgeistert.
„Ganz genau das, gnädige Frau.“
Ach, jetzt war ich auf einmal eine gnädige Frau. Die Gegenwart eines Prinzen schien meinen Status zu heben. Obwohl ich sagen musste, dass Der Wachmann auch gestern zu Blue und mir schon sehr nett gewesen war.
Das mit dem Geier musste ich sehen. „Wir kommen sofort mit… wo ist der Könling?“, hakte ich nach.
„Er fliegt im Theosaal herum. Die Hofmagier versuchen schon seit einer Stunde ihn dazu zu bewegen zu landen, aber er will sich einfach nicht beruhigen.“
Okay, das musste ich definitiv sehen! Als Geier konnte ich mir den Könling nicht vorstellen. Das erklärte auch warum die Gänge so leer waren. Alle waren zu besorgt um ihren Herrscher, als dass an Arbeit zu denken war. Oder sie wollten ihn als Geier sehen, wie ich. Ich war mir recht sicher, dass sich die gesamte Belegschaft des Schlosses momentan im oder um den Theosaal versammelt hatte.
„Bringen Sie uns hin“, befahl ich dem Wachmann.
Der drehte sich auf dem Absatz um und ich hatte Schwierigkeiten ihm zu folgen. Es ging durch mehrere Türen, über Treppen und durch den Geheimgang, der wohl sein Mittagessen beendet hatte, bis wir vor der Tür zum Theosaal zum Stehen kamen. Wie erwartet scharte sich eine regelrechte Menschentraube um die gigantischen Türen. Da dort kein Durchkommen war, wechselte der Wachmann seine Strategie und führte uns durch einen weiteren Geheimgang, der irgendwo direkt hinter dem Thron endete.
„Eure Majestät!“, rief eine verzweifelte Stimme.
Ein Schatten flog über uns hinweg und ich duckte mich. Das Rauschen von Federn verschwand. Als ich den Kopf hab, sah ich einen großen Geier, der wieder an Höhe gewann und begann in der Halle zu kreisen.
„Eure Majestät, wollt Ihr nicht doch die tote Maus?“, lockte einer der Hofmagier und wedelte mit einer toten Ratte.
Etwa zehn weitere Männer, ebenfalls in purpurne Roben mit Goldstickereien gehüllt wie der mit der Ratte, standen daneben und hielten ein golden schimmerndes Netz.
„Das ist eine Ratte, keine Maus“, korrigierte ich ihn.
Der Mann bedachte mich mit einem abfälligen Blick. „Und wer hat dich hierher geholt? Der Idiot da hinten reicht uns.“
Als ich mit meinem Blick seinem ausgestreckten Finger folgte, entdeckte ich Blue, der an einer Wand lehnte und amüsiert dem Treiben zusah. Er hob kurz seine Hand, um mich zu grüßen, dann schaute er mit einem Grinsen zurück auf den Geier. Freundschaf, das neben ihm stand, kaute auf etwas herum, das nach einem Stück purpurner Robe aussah.
„Die Idioten sind wohl eher die werten Herren Hoffmagier“, meinte er. „Immerhin haben die es bisher nicht geschafft den Könling mit dem Netz da einzufangen, um dann zu versuchen ihn zurückzuverwandeln. Außerdem hat es keiner von ihnen hinbekommen mir eine Tüte Popcorn herzuzaubern.“
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie es überhaupt versucht hatten. Gut vorstellen konnte ich mir dafür wieso Blue nach Popcorn gefragt hatte. Das Bild von ihm wie er mit einer Popcorntüte an der Wand lehnte und den scheiternden Magiern zusah, ließ sich nur schwer aus meinem Kopf vertreiben.
Ebenfalls eine interessante Geschichte war es bestimmt, wie der eine Magier einen Teil seiner Robe verloren hatte, unglücklicherweise direkt an seinem Hintern, was mir nun einen wunderbaren Blick auf seine magische rosa Unterwäsche erlaubte. Zum Geier fangen war die Unterwäsche jedenfalls nicht geeignet, so viel war klar. Meine Vermutung war, dass das Stück Stoff in Freundschafs Mund extrem viel mit dem Vorfall zu tun hatte.
„Eure Majestät! Seht doch die schöne Maus!“, rief wieder der Magier, doch der Geier ignorierte ihn wie zuvor.
„Ach lasst doch den Mist“, murmelte ich und schob den Kerl zur Seite.
Ich hatte so das Gefühl, dass es nichts bringen würde den Könling wie einen Geier zu behandeln. Zwar hatte ich bisher nicht allzu viel mit verzauberten Menschen zu tun gehabt, aber da alle Tiere im NaNo-Land intelligenter zu sein schienen als sie sein sollten, würde das hier bestimmt nicht anders sein.
„Kommt sofort da runter!“, schrie ich ihm zu. „Das Verhalten, das Ihr gerade an den Tag legt ist mehr als kindisch. Nur weil Ihr jetzt Flügel habt, heißt das nicht, dass Ihr dem Täter einfach wegfliegen könnt. Ob Ihr da oben bleibt als Geier oder als Mensch hier unten, das ändert nicht viel.“
Jedenfalls glaubte ich, dass das der Grund dafür war warum sich der Könling weigerte sich zurückverwandeln zu lassen. Dass er nun doch noch von etwas getroffen worden war, musste ihn sehr aufgewühlt haben. Das entschuldigte aber nicht, dass er dabei war sein Volk zu vernachlässigen.
„Wollt Ihr etwa für immer ein Vogel bleiben?!“
„Das bringt auch nichts“, meinte einer der Magier mit einem gehässigen Blick. „Am besten verlasst ihr das Schloss; ausrichten könnt ihr ja offensichtlich nichts. Du, dein Freund, und das Schaf. Und nehmt das Plotbunny mit.“
„Sie bleiben.“
Alle Magier zuckten zusammen sobald sie die Stimme hörten. Sie war von meiner Schulter gekommen, wo sich der Frosch, der vorher übersehen worden war, nun zu voller Größe aufrichtete. Das war zwar nicht besonders groß, aber die Aufmerksamkeit der berobten Vollidioten hatte er trotzdem.
„E-eure Hoheit“, stammelte der Magier und wedelte mit seiner Ratte. „Ihr seid aus eurem Zimmer…?“
„Bisher hat sie mehr fertiggebracht als ihr“, fuhr der Prinz ungerührt fort.
Alle Blicke wanderten zum geirigen König hinauf, der tatsächlich ein wenig tiefer flog und direkt über meinem Kopf kreiste. Er schien darauf zu warten, dass ich noch etwas sagte.
„Bitte kommt runter, eure Majestät“, sagte ich, nun etwas ruhiger. „Wir werden schon herausfinden wer dafür verantwortlich ist, aber dazu müsst Ihr uns erzählen was vorgefallen ist.“
„Sie hat Recht“, meinte der Froschprinz und quakte zur Bestätigung. „Es ist nicht besonders witzig sein ganzes Leben ein Tier zu sein. Ich muss es wissen. Flüche können besser gebrochen werden je weniger Zeit vergangen ist seit der Fluch einen getroffen hat.“
Unausgesprochen verbarg sich in dem Satz wohl, dass es in seinem Fall zu spät war. Eine Welle Mitleid überrollte mich wieder. Armer Kerl. Der Geier zögerte. Zuerst flog er etwas tiefer, dann machte er sich wieder an den Aufstieg, vermutlich um seine Runden durch den Theosaal fortzusetzen.
„KOMMT VERDAMMT NOCHMAL DA RUNTER!“, schrie ich den Könling an.
All Personen im Saal sahen mich entgeistert an. Sogar Blues Grinsen war eingefroren. Ich vermutete, dass niemand jemals so mit dem Könling gesprochen hatte. Na dann wurde es Zeit. Wenn es funktionierte, war es das wert.
Funktionieren tat es, denn der Könling legte einen beeindruckenden Sturzflug hin. Ich duckte mich – falls er doch sauer war, weil ich ihn angeschrien hatte – und brachte außerdem den Froschprinzen außer Sicht. So richtig sicher, dass er nicht doch komplett ein Geier war und plötzlich Hunger auf Frosch bekommen hatte, war ich mir nämlich nicht. Glücklicherweise landete er nur auf dem Boden direkt vor uns, sehr zur Überraschung der Magier. Sie überwanden sich jedoch sehr schnell und machten das Netz klar.
„Wenn ihr mir das Ding über den Kopf werft, seid ihr alle gefeuert!“, schrie der Geier.
Einige der Magier ließen vor Schreck das Netz los, andere warfen es, wieder andere klammerten sich daran fest. Das Resultat des Ganzen war, dass das Netz über den Magiern selbst landete und diese sich so darin verhedderten, dass der ganze Haufen zu Boden ging.
„Ihr… könnt sprechen, Eure Majestät?“, fragte der Magier mit der Ratte.
„Allerdings. Und pack die Ratte weg!“ Der Geier klapperte wütend mit dem Schnabel. „Und das Netz gleich mit.“
Das würde sich als schwierig erweisen, denn bisher hatten es nur zwei Magier geschafft sich aus dem Ding zu befreien. Der Rest war immer noch hoffnungslos verheddert.
„Aber Eure Majestät, wir müssen Euch zurückverwandeln!“
„Wenn ihr nicht einmal wusstest, dass ich sprechen kann, wie wollt ihr dann den Fluch brechen?“
Da hatte der Könling nicht ganz Unrecht. Wenn die nicht einmal wussten was genau das für ein Fluch war, gab es keine große Chance gab, dass sie ihn lösen konnten. Andererseits würde der Könling keine andere Wahl haben wenn er wieder ein Mensch werden wollte.
„Eure Hoheit, ich denke Ihr müsst sie es zumindest versuchen lassen. Oder gibt es hier andere, qualifiziertere Magier?“, fragte ich. Um meine Worte besonders eindringlich zu machen fügte ich eine Verbeugung hinzu.
„Mmh.“ Der Geier klapperte wieder mit dem Schnabel, dieses Mal nachdenklich. „Ihre bisherigen Versuche sprechen nicht gerade für sich.“
Es folgte ein Seitenblick auf seinen Sohn, was mir die Situation erst richtig klar machte. Hier sprach gerade der Könling, der ein Geier war, mit seinem Sohn, der ein Frosch war. Wenn das nicht surreal war, wusste ich nicht wie man die Angelegenheit noch seltsamer machen konnte. Oh, doch. Man füge einen Haufen strampelnder Magier in einem goldenen Netz, einen Magier mit einer toten Ratte in der Hand und ein Schaf hinzu. Gut durchmischen und heraus kam die Truppe aus dem Theosaal.
Besagtes Schaf war zu uns herübergetrottet und sah mich mit treuherzigem Blick an. Als es auf den Geier zulief, wich dieser einige Schritte zurück, blieb dann aber stehen und streckte seinen langen Hals aus.
„Das tut doch nichts, oder?“, fragte der König und neigte den Kopf.
Äh… das tat doch nichts. Oder? Fraßen Schafe Geier? Nun ja, das wohl kaum. Andererseits konnte man sich in diesem verrückten Land nicht sicher sein. Dann wiederum war das hier Freundschaf und allein der Name zeigte, dass es unwahrscheinlich war ihm so etwas zuzutrauen.
„Nein, das tut nichts.“
Das stellte sich als Lüge heraus, denn es tat sehr wohl etwas. Nur war das etwas, das niemand erwartet hätte, nicht in einer Million Jahre. Die versammelten Magier stießen erstickte oder weniger erstickte Schreie aus und Blue fiel vor lauter Schreck das Brötchen herunter, das er irgendwo statt des Popcorns aufgetrieben hatte.
Freundschaf stupste den Geier mit der Nase an, der daraufhin in einem Schauer aus Funken verschwand und als Könling in Morgengarderobe vor uns auftauchte. Er kauerte auf dem Boden, richtete sich dann jedoch zu voller Größe auf und rückte seine Krone zurecht.
„Und ob das was tut!“, meinte er mit aufgerissenen Augen. „Wie habe ich nur all die Jahre ohne Schaf durchgehalten?“

Sonntag, 7. Dezember 2014

37. Kapitel



Wie genau fand man heraus wer wen umbringen wollte? In den Krimis sah es immer so einfach aus, aber wenn wir so schlechte Ermittler abgaben wie ich befürchtete, hatte der Könling nicht mehr lange zu leben.
Nachdem uns das Frühstück aufs Zimmer gebracht worden war und ich Fluffles mit Wortsalat versorgt hatte, schlug ich halbherzig vor, dass wir ein paar Leute zu den Vorkommnissen befragen sollten. Da Blue keine bessere Idee hatte, waren wir bald auf den Beinen und erkundeten das Schloss mit seinen tausend Räumen.
Leider mussten wir feststellen, dass kaum jemand Zeit für uns hatte. Die Bediensteten mussten ihrer Arbeit nachgehen und hatten meistens nur ein knappes „ich weiß nichts“ für uns übrig, während die Ritter sich entweder davon ausruhten auf Bunnyjagd gewesen zu sein, oder zu hochnäsig waren und uns nur arrogante Blicke schenkten. Als wir endlich jemanden fanden, der befragt werden konnte, war der auch noch tot.
„Haben Sie etwas gesehen? Jemanden der sich verdächtig benommen hat oder… äh…“ Ich verlor den Faden und sah das Schlossgespenst hoffnungsvoll an.
„Ich habe Besseres zu tun als Leuten nachzuspionieren.“
„Natürlich. Das Leben als Geist muss sehr fordernd sein“, meinte Blue sarkastisch. „Den ganzen Tag mit Ketten rasseln und Leute erschrecken.
„Ich bin kein Geist, sondern ein Gesicht“, sagte der Gesicht pikiert. „Oder Geschicht, was mir noch lieber ist. Denn alles was von einem Leben übrig bleibt, sind Geschichten.“ Er wandte sich wütend ab, um durch die geschlossene Tür zu rennen ohne sie vorher zu öffnen.
„Das war dann wohl nichts“, seufzte Blue.
„Du hast nicht gerade geholfen!“, fuhr ich ihn an. „Bist schon ohne die Gabe sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen auf die Welt gekommen oder hast du zu oft was auf den Schädel bekommen?!“
Er schien ernsthaft darüber nachzudenken und ich sah ihn entgeistert an. Manchmal würde ich ihn am liebsten aus einem der bunten, entzündeten Fenster schmeißen.
„Es könnte daran liegen, dass ich zu oft mit Blöcken und Forellen abgeworfen wurde“, grinste er.
Haha.
„Gehen wir lieber weitersuchen. Vielleicht finden wir ja irgendwas oder irgendwen, der uns weiterhelfen kann!“
Die einzigen, die sich kurz mit uns befassten, war ein Fernsehteam. Sie schienen eine Dokumentation über die Bunnys zu drehen und wie der Könling mit ihnen umging. Allerdings versuchten sie eher uns zu befragen, vor allem als sie Fluffles in meiner Brusttasche entdeckten. Der Kameramann stieß einen entsetzten Schrei aus, doch die Frau der Truppe stieß mir geistesgegenwärtig ein Mikro vor die Nase. Das war unser Stichwort zu verschwinden so schnell es möglich war.
Die nächsten, die sich befragen ließen, waren zwei Pferde, die sich mit unseren Pferden im Stall des Könlings angefreundet hatten. Diese Unterhaltung schlug jedoch schnell in eine Diskussion darüber um wer beim Drachenfliehen das schnellste Pferd wäre. Sie stritten eine Weile, wer von den Besseren die besseren Besseren waren und wir verließen missmutig den Stall.
„Vielleicht sollten wir aufgeben“, meinte Blue während wir in Richtung unserer Zimmer gingen. „Wir haben alles versucht, oder?“
„Das glaube ich aber nicht“, wandte ein Teppich ein, der an der Wand hing.
„Äh…“ Ich blieb stehen und sah das Stück gewebten Stoff an. „Du hast nicht zufällig irgendwas gesehen oder weißt was über die Mordversuche?“, fragte ich zögernd.
„Natürlich nicht! Ich bin ein Einwandteppich!“
Als ich mir das gute Stück näher besah erkannte ich, dass als Muster mehrere Leute hineingewebt waren, die sich offenbar stritten. Wie nett.
„Vielleicht sollten wir die Königin fragen. Und den Prinzen“, schlug ich vor.
„Das würde ich nicht tun“, wandte der Teppich wieder ein. „Schon als kleines Kind war der Prinz frosch gewesen.“
“Er war was?“ Ich sah den Teppich befremdlich an.
„Frosch gewesen. Eine Hexe war wohl nicht ganz zufrieden mit der Art und Weise wie der König das Land regiert und hat seinen kleinen Sohn in einen Frosch verwandelt.“
„So wie ein Froschprinz?“
„Ja“, meinte der Teppich und hörte sich leicht wütend an, vermutlich weil er keinen Einwand auf meine Frage gefunden hatte. „Sie haben immer noch niemanden gefunden, der ihn zurückküssen könnte. Trotzdem versuchen sie gerade Prinzessinnen zu finden, die ihn heiraten würden.“
„Wer würde denn einen Frosch heiraten?“ Obwohl mir der Prinz ein wenig leid tat, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er jemals eine Frau finden würde solange er ein grünes, schleimiges Etwas war.
„Doch, es gibt genug Anwärterinnen. Das Könlingreich ist groß und reich, da stört es einige nicht einen Frosch zum Mann zu haben.“
„Wie schrecklich. Der arme Kerl.“
Nun tat er mir vor allem leid. Es konnte nicht schön sein mit einer machthungrigen Prinzessin verheiratet zu werden, vor allem wenn sie sich insgeheim ekelte.
„Ich glaube ich gehe in die Küche“, beschloss ich.
„Das ist keine gute Idee“, wandte der Teppich ein. „Die Küche ist räudig.“
„Genau, der Teppich hat Recht“, sagte Blue, sah einen Moment verwundert aus, dass er einem Stoffstück Recht gegeben hatte, wandte sich dann aber zum Gehen. „Lass uns lieber nochmal versuchen die anderen mit der Spinne kontaktieren und sehen ob Phoenix uns helfen kann. Immerhin schreibt die Krimis.“
Das hatten wir zwischendurch versucht. Meine Verzweiflung musste unendlich groß gewesen sein. Die Dinger waren genauso eklig wie ich vermutet hatte. Ob es an mir lag, weil ich keine Ahnung hatte wie man die bediente, wusste ich nicht, aber funktioniert hatte es nicht. Die andere Möglichkeit, nämlich dass meine Oma und Phoenix nicht antworten konnten, weil sie in Schwierigkeiten steckten, wollte ich mir gar nicht erst ausmalen.
„Vergiss es! Solange wir nicht alles versucht haben, können wir nicht aufgeben“, protestierte ich.“
„Doch, Aufgeben ist manchmal die weisere Entscheidung“, wandte der Teppich ein.
„Ach halt die Klappe“, fuhr ich ihn an.
„Rein theoretisch gesehen habe ich gar keine…“
Ich hielt meine Faust drohend vor den Wandbehang. „Noch ein Wort und ich fange an dich aufzuribbeln! Und das tut weh!“
Der Einwandteppich ließ ein beleidigtes „Mhpf“ hören, gab aber endlich Ruhe. Herrliche Ruhe. Und leider nicht lange andauernd.
„Also ich komme bestimmt nicht mit in die räudige Küche“, beschwerte sich Blue.
„Dann mache ich das eben alleine, du Feigling!“
Ich drehte mich auf dem Absatz um und stapfte in Richtung Küche. Angsthase. Wobei… das mit der Küche machte ich eigentlich auch nur um die Spinne nicht benutzen zu müssen. Allein das Gefühl von dem Ding in meiner Hosentasche ließ mich schaudern. Benutzen wollte ich es nur wenn es unbedingt nötig war.
Vor der Küchentür holte ich noch einmal tief Luft, dann stieß ich sie auf.
Auf den ersten Blick wirkte der Raum normal. Dafür, dass wir uns in der Fantasygegend befanden, war die Küche recht modern eingerichtet. Es gab Kühlschränke und Herdplatten, sowie eine Mikrowelle. Dann jedoch fiel mir die gemöbelte Ecke auf. Vermöbelte Möbel? Oder würde ich gleich von Möbeln vermöbelt werden?
Letzteres, wie sich zeigte, denn sofort stürzten sich die Möbel mit klappernden Schubladen und schlagenden Türen auf mich. Die Möbel waren verrückt geworden! Lebensmittel wurden ausgegossen und in der Küche verschmiert, Möbel wurden verrückt und Gegenstände flogen durch die Luft. Die Tür eines Küchenschrankes erwischte mich an der Schulter. Aus einer Schublade blitzten mir mehrere Messer entgegen.
Das war der Zeitpunkt, zu dem ich den totalen Rückzug begann. Mit erhobenen Armen, um mich gegen die Möbel zu verteidigen, stolperte ich rückwärts. Auch mein dreiklinkiges Messer war hier absolut nutzlos. Ich schlüpfte durch die Küchentür in den Gang, in dem Gedanken, dass die wahnsinnigen Einrichtungsgegenstände sich damit zufrieden geben würden.
Falsch gedacht. Die Möbel folgten mir in den Flur. Ein Kühlschrank blieb glücklicherweise in der Tür stecken als er versuchte sich hindurchzuquetschen, weshalb er effektiv den Ausgang für den Rest der Armee blockierte. Allerdings hatten einige kleiner Schränke und mehrere Besteckkästen es vorher in den Gang geschafft und waren mir dicht auf den Fersen.
Eine Dienerin sah mir mit aufgerissenen Augen nach als ich an ihr vorbeistürmte, die Möbelmeute dicht hinter mir. Ich riss wahllos eine Tür auf und warf mich sofort von innen dagegen. Zuerst gab es ein tok tok tok, das sich anhörte als wären mehrere Messer in Holz stecken geblieben. Dann rasselte es als sich der gesamte Besteckkasten dagegen warf. Auf der Innenseite der Tür gab es einen Riegel, den ich sofort vorschob.
Erst dann bemerkte ich, dass ich mit meiner Robbe in der Tür stecken geblieben war. Dem armen Ding wurde ein ganzes Stück Fell abgequetscht. Öffnen konnte ich die Tür allerdings nicht, weshalb ich begann einfach an meiner Robbe zu ziehen.
„Tut mir so leid!“, versicherte ich ihr als ich endlich den Zipfel in meiner Hand hielt.
Das Fell war etwas durcheinander und es war ein weinerliches „Oi, oi, oi“ zu hören, doch ansonsten hatte die Robbe dazu nichts zu sagen. So ganz traute ich dem Frieden nicht und trat vorsichtshalber einige Schritte zurück. Falls die Möbel es durch die Tür schafften, wollte ich jedenfalls nicht in der Nähe sein. Hoffentlich gab es in diesem Raum einen zweiten Ausgang, durch den ich mich still und heimlich davonschleichen konnte.
Ich drehte mich um – und erstarrte. War ich überhaupt noch im Schloss? Vor mir erstreckte sich eine Wiese mit bunten Blumen. In der Mitte des… Raumes?... befand sich ein Teich mit mehreren Seerosen. Die Seite des Zimmers, die dahinter lag, war höher als die, auf der ich stand. Das ermöglichte es einem Wasserfall in einer wunderschönen Kaskade in den Teich zu stürzen.
Außer mir befand sich niemand im Raum, was mir ganz recht war. Ich war sogar sehr froh, dass niemand meine Flucht vor den Möbeln mitbekommen hatte und mich in meinem eher zerfledderten Zustand sehen konnte. Nun ja, außer dem Frosch, der es sich auf einer der Seerosen bequem gemacht hatte und mich mit geneigtem Kopf interessiert ansah.
Moment mal. Frosch? Das war doch nicht etwa…
„So einen Auftritt hat noch niemand hingelegt“, meinte der Frosch.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kurz aufkreischte und ernsthaft in Erwägung zog durch die Tür zurück zu den Möbeln zu rennen. Da ich allerdings gerade wieder das Geräusch von Messern hören konnte, die in die Tür einschlugen, blieb ich wo ich war.
„Dann bist du…
„Der Froschprinz.“ Der Prinz seufzte, was sich bei einem Frosch wirklich seltsam anhörte.
Generell war so einiges an ihm seltsam – davon abgesehen, dass er grün und schleimig war und Schwimmhäute zwischen den Zehen und Fingern hatte. Seine Stimme hatte einen kehligen Unterton, der sie sich anhörte als würde der Sprecher kurz vor einem Quaken stehen. Die Augen waren zwar die von einem Frosch, golden mit schwarzen Flecken und einer quer gestellten Pupille, doch lag in ihnen ein Ausdruck, den ich bisher bei keinem Frosch gesehen hatte.
„Mmh.“
„Was soll das heißen?“, fragte er beleidigt.
„Naja, ich habe noch nie einen sprechenden Frosch getroffen. Sprechende Pferde, ja. Einen Kaffeeaffen und jede Menge Plotbunnys, ja. Und einen Drachen.“ Bei der Erinnerung schauderte ich. „Aber das hier ist irgendwie seltsam.“
Irrte ich mich oder sah der Prinz beeindruckt aus? Falls ja, versteckte er das sofort hinter einem arroganten Gesichtsausdruck.
„Ich nehme an du warst in der Küche?“, stellte er fest.
„Ja. Falls die Möbel, die gerade versuchen dir die Tür einzurennen nicht Hinweis genug sind.“
Ein lautes Scheppern sagte mir, dass die Besteckschublade nun ihren gesamten Inhalt auf dem Boden verteilt haben musste.
„Willst du dich nicht dafür entschuldigen einfach so in mein Zimmer geplatzt zu sein?“, hakte er nach.
Ich zuckte mit den Schultern. Normalerweise hätte ich das vielleicht getan, aber wenn er so anfing, konnte er das vergessen. Bisher benahm er sich wie ich es von einem verzogenen Prinzen erwarten würde. Auch wenn er etwas anders aussah als ich mir einen verzogenen Prinzen vorgestellt hatte.
„Du weißt, dass ich dich aus dem Schloss werfen lassen könnte?“
„Du kannst es ja versuchen“, meinte ich. „Ich bin auf Order von Mr. Ian Woon hier, also überleg es dir besser.“
Ob Mr. Ian Woon sich tatsächlich für mich einsetzen würde, wusste ich nicht. Aber der Prinz bluffte sowieso. Er sah zu interessiert an unserem Gespräch aus, als dass er mich rausschmeißen würde. Also ließ ich mich auf einem Stein am Rand des Teiches nieder und strich vorsichtig über die Blätter einer Seerose.
„Die sind wunderschön“, wechselte ich das Thema.
„Die haben sich wirklich Mühe gegeben mein Zimmer froschgerecht einzurichten. Nicht dass es was bringen würde“, schnaubte er.
„Wieso? Ich finde es nett hier.“
„Verbring mal fast zwanzig Jahre hier drin.“
„Aber du kannst doch raus. Du bist doch nicht hier drin gefangen“, meinte ich.
So hätte ich den Könling jedenfalls nicht eingeschätzt. Er war mir wie ein ganz netter Kerl vorgekommen. Etwas paranoid vielleicht und sein Technikverständnis war auch nicht das Beste, aber seinen eigenen Sohn einzusperren traute ich ihm auch nicht zu. Außerdem war die Tür nicht verschlossen gewesen. Das hatte sich erst durch mich geändert.
Dieser Gedanke, sowie das Rumpeln von einem Küchenschrank an der Tür, erinnerten mich daran, dass ich mich gerade auf der Flucht befand. Die Möbel hatten ein paar Minuten Pause gemacht und verdoppelten nun ihre Versuche durch die Tür zu kommen. So hörte es sich zumindest von hier an – und als hätten es auch die letzten Geräte durch die Küchentür geschafft.
„Ich geh dann mal besser“, sagte ich. „Bevor mich die verrückten Möbel erwischen. Vielleicht wäre es besser wenn du mitkommst…“
„Was? Wieso?“, protestierte der Froschprinz. „Die Möbel würden mir nichts tun. Immerhin gehören die mir.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher, immerhin sind die komplett durchgedreht. Dass sie Befehle von einem Frosch annehmen wage ich zu bezweifeln. Aber du kannst dich natürlich gern in deinem Teich verstecken“, fuhr ich ihn an.
Ich für meinen Teil hatte hier genug Zeit verschwendet. Sollte der Kerl doch sehen wir er mit dem Inhalt einer ganzen Besteckschublade fertig wurde. Er würde nicht sagen können ich hätte ihn nicht gewarnt. Kurz orientierte ich mich im Raum und ging dann auf die einzige andere Tür zu, die ich finden konnte. Sie war halb verborgen hinter einem Vorhang aus Efeu und ich grinste triumphierend als sie sich einen Spalt weit öffnen ließ.
Ein erneutes Scheppern drang von der anderen Seite des Raumes zu mir herüber. Die Tür gab ein Ächzen von sich, das sich anhörte als würden ihr langsam die Widerstandskräfte ausgehen.
„Warte auf mich!“ Der Froschprinz war von seiner Seerose gesprungen und zupfte nun an meiner Robbe. „Ich komme doch lieber mit.“
„Na klar, jetzt kalte Füße bekommen.“
„Naja… ich könnte dir das Schloss zeigen! Und wenn du wirklich herausfinden willst wer die Mordanschläge auf meinen Vater verübt, könnte ich helfen! „
Irgendwie konnte ich mir noch nicht recht vorstellen wir das funktionieren sollte. „Ich dachte du seist seit fast zwanzig Jahren nicht aus dem Raum hier rausgekommen? Wie willst du mich dann rumführen können?“
„Das mit den zwanzig Jahren war vielleicht ein kleines Bisschen übertrieben…“
Konnten Frösche rot werden? Falls ja, dann tat es dieses Exemplat gerade. Soso. Unser verzogenes Prinzchen hatte mir eine Lüge aufgetischt. Ihn dafür in diesem Raum zurückzulassen erschien mir als Strafe allerdings zu hart, also bückte ich mich und hielt ihm meine Hand hin.
„Ich trage dich lieber. Alles andere wäre zu langsam. Aber wehe du saust mir meine Robbe ein. Oder erschreckst Fluffles.“
„Fluffles…?“
Ich setzte den Prinzen auf meiner Schulter ab.
„Halt dich gut fest. Wenn ich dich unterwegs verliere, drehe ich bestimmt nicht um, um dich zu suchen. Das kannst du dir abschminken.“
„Fluffles?“, wiederholte er. Dann sah er nach unten und entdeckte mein Bunnybaby, das neugierig aus der Robbentasche hervorlugte. „Ist das ein Plotbunny?!“
„Keine Fragen jetzt. Eine Horde Möbel ist hinter uns her, schon vergessen?“
Damit stieß ich die Tür in den Gang auf, genau als hinter uns die Tür nachgab.