Samstag, 6. Dezember 2014

36. Kapitel



Ein totes Licht erfüllte den Saal und nichts trübte die mordende Stille. Mordend schien sie zu sein, denn die Stille war erwartungsvoll und dunkel und der Saal war gefüllt mit Skeletten. Einige davon waren Tiere, andere Menschen.
Der Saal an sich erinnerte ebenfalls an den Thronsaal des Hamsters, allerdings weniger aus Stein gehauen als vielmehr daraus gewachsen. Von der Decke hingen Stalaktiten, die golden schimmerten. Der Rest des Raumes war eher dunkel, denn graue und schwarze Felswände umgaben alles. Auch der Boden bestand aus demselben Fels und sehr uneben.
Zu beiden Seiten der Tür lagen die Skelette. Einige waren seltsam verkrümmt. Teilweise hing zerfetzte Kleidung an ihnen herab und ein paar von ihnen schienen noch nicht allzu lange hier zu sein, denn sie befanden sich in diversen Stadien der Verwesung. Sie befanden sich vor allem im Bereich der Tür. Nur eine Person hatte es etwa zehn Meter in den Raum geschafft und starrte von dort mit leerem Blick an die Decke.
„Hat noch jemand das Gefühl, dass wir nicht die ersten sind, die den Geheimraum gefunden haben? Und dass wir da nicht reingehen sollten?“, flüsterte André.
„Willst du zurück in den Auzug?“, konterte Marga. „Lasst uns die Beine hochkrempeln und das jetzt durchziehen.“ Dabei wünschte sie sich, dass ihre Worte nicht ganz so wörtlich genommen werden würden.
André schüttelte den Kopf, holte einmal tief Luft und betrat den Raum.
Sofort schien sich das Licht um ihn zu sammeln wie Piranhas in einem Wasserbecken um einen Blutstropfen. André schrie auf als sich an seinem ganzen Körper Wunden bildeten, so als würde er von tausend Messern zerschnitten werden.
Marga stand da wie versteinert. Was konnte sie tun? Sobald sie den Raum betrat, würde auch sie garantiert angegriffen werden, aber sie konnte den Wachmann auch nicht seinem Schicksal überlassen. Immerhin waren sie es gewesen, die ihn mit hier herunter geschleppt hatten.
„Lass von ihm ab!“, schrie sie das Licht an und machte einen Schritt in den Raum.
Sofort sammelte sich totes Licht um sie und sie fühlte wie sich ein großer Schnitt auf ihrer Wange auftat. So sehr sie auch versuchte sich zu bewegen, sie konnte sich nicht rühren. Bevor sie jedoch den Mund öffnen konnte um zu schreien, begann hinter ihr ein anderes Licht zu strahlen. Es durchdrang das tote Licht und drängte es zurück, sodass Marga keine weiteren Schnittwunden erhielt.
Auch André stemmte sich mühsam auf, auch wenn er um einiges schlimmer aussah als sie.
„Alles in Ordnung?“
Marga lief zu ihm und half dem Wachmann dabei seinen verformten Körper auf die Beine zu bekommen. Dann drehte sie sich um. Die Quelle des Lichts stellte sich als Phoenix heraus. Sie hatte die Metallfeder, die Marga schon aufgefallen war, in den Fingern und hielt sie über ihren Kopf.
„Das ist lebendiges Licht“, erklärte ihre Kameradin.
Sobald sie den Raum betrat, weitete sich der Kreis aus lebendigem Licht, sodass die drei Menschen in seinem Zentrum waren. Das tote Licht versuchte vergebens den Schutzwall zu durchbrechen, prallte jedoch immer wieder davon ab.
„Das muss starke Magie sein“, bemerkte Marga nur.
„Ja. Die stärkste Magierin des Landes hat mir diese Feder geschenkt.“ Sie stockte kurz. „Damit ich mich immer an sie erinnere.“ Der letzte Satz war nur ein Flüstern.
 „War sie eine gute Freundin?“
Marga tätschelte ihr unbeholfen die Schulter, denn die sonst so praktisch veranlagte Phoenix sah aus als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Was genau passiert war fragte sie jetzt besser nicht. Das war die Überlegensregel Nummer 1: Wenn man in einem Raum war mit Licht, das einen umbringen wollte und das einzige, was dem im Weg stand, eine magische Feder war, würde man deren Trägerin nicht mit Fragen verunsichern.
„Mehr als das.“ Phoenix schluckte. „Lasst uns weitergehen. Je eher wir hier raus sind, desto besser.“
Sie durchquerten die Halle, immer noch umringt vom lebendigen Licht, das die tote Variante davon abhielt sie zu erreichen. Marga griff ihren Regenschirm fester, was ihr unerklärlicherweise das Gefühl gab besser auf das vorbereitet zu sein was sie erwartete.
Am anderen Ende des Raumes auf einer Art Podest befand sich ein dunkler Umriss, der in einem Stein zu stecken schien. Er erinnerte tatsächlich an den Griff einer Schaufel und Margas Herz schlug schneller. Eventuell hatte sich der Besuch in der Burg doch gelohnt.
„Vielleicht sollte ich es dieses Mal riskieren noch einen Fluch auf mich zu nehmen“, schlug Marga vor, ohne dass das Lächeln von ihrem Gesicht gewischt wurde. „Du siehst ein wenig mitgenommen aus, André.“
„Das kann auch ich tun“, protestierte Phoenix.
„Nein, du musst in der Lage sein die Feder zu halten. Ich nehme an sie funktioniert nur für dich?“, fragte Marga.
„Sowas wie eine magische Versicherung, ja. Es sei denn ich gebe sie endgültig an jemand anderen weiter.“
„Dann werde ich nach dem Teil dort greifen.“
Damit war das letzte Wort gesprochen. Obwohl sie den Vorschlag selbst gemacht hatte, zitterten ihre Finger als sie nach dem hölzernen Griff langte und vorsichtig daran zog. Das bekannte warme Gefühl in der Bauchgegend setzte ein, was die Hand in ihrer Robbentasche aufgeregt hoch und runter springen ließ. Trotzdem machte Marga weiter und hatte schließlich… einen Holzstab in der Hand?
„Das ist keine Schaufel“, stellte sie gerade noch fest bevor sie das Ding fallen ließ und sich auf dem Boden zusammenkrümmte.
Ihre blauen Augen lagen vor ihr und aus ihnen quollen Strähnen bis sie aussahen wie missratene Köpfe. Trotzdem konnte sie die Welt um sich herum noch sehen. Aber wenn ihre Augen vor ihr lagen, was hatte sie dann im Gesicht…?
„Gah!“, schrie André als sie ihn ansah. Das bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen.
„Was habe ich im Gesicht?“
Auch Phoenix sah leicht angeekelt und besorgt aus. „Das willst du nicht wissen.“
„Doch, will ich! Immerhin habe ich gerade meine Augen für dieses Ding hier gelassen. Was ist das eigentlich?“
 „Das“, sagte Phoenix „ist ein Starb.“
„Ein was?“
„Ein Starb. Er erfüllt eine ähnliche Funktion wie die TSoD; das ist nämlich eine mächtige Waffe. Allerdings keine ganz so mächtige wie die TSoD.“ Ihre Blick huschte zwischen Margas blauen Augen auf dem Boden und ihrem Gesicht hin und her.
„Gegen was habe ich meine Augen ausgetauscht?“, fragte Marga wieder.
Mit einem Anflug von Wehmut musterte sie die verhaarten Dinger auf dem Boden. Anscheinend war sie diejenige, die hier regelmäßig Körperteile lassen musste.
„Eventuell kann ich den Fluch lösen“, meinte Phoenix stirnrunzelnd.
Marga fiel auf, dass ihre Frage immer noch nicht beantwortet war, aber was ihre Gefährtin gesagt hatte war ebenfalls interessant. „Das kannst du? Warum hast du das bei der Hand nicht auch getan?“
„Es könnte hilfreich sein, dass wir uns im lebendigen Licht befunden haben als dich der Fluch getroffen hat. Gegen die abgetrennte Hand konnte ich leider nichts unternehmen.“ Sie griff die Feder fester. „Soll ich es versuchen? Es könnte allerdings auch schief gehen.“
„Was ist wenn es schief geht?“
„Dann wird es nur schwerer den Fluch zu heben, weil sich zwei Flüche überlagern würden.“
„Versuch es“, beschloss Marga. „Viel schlimmer als jetzt kann es euren Blicken nach zu urteilen nicht werden.“
„Dann heb deine Augen auf und halt sie dir vors Gesicht.“
Sie legte den Starb neben ihren Füßen ab und bückte sich. Obwohl es ihre eigenen Augen waren, musste Marga einen Schauer unterdrücken, der ihr den Rücken herunterlaufen wollte, als sie mit ihrer Hand danach griff. Ihre andere Hand hatte sich tief in der Tasche vergraben. Diese haarigen, glitschigen Dinger waren tatsächlich mal in ihrem Gesicht gewesen. Ohne Haare, was nur ein kleiner Trost war.
„Es könnte sein, dass das tote Licht kurz zu uns durchkommt“, warnte Phoenix. „Gleichzeitig zwei Arten starker Magie zu wirken könnte für die Feder zu viel sein.“
Dabei sah sie vor allem André an, der vom toten Licht besonders in Mitleidenschaft gezogen worden war. Der zuckte jedoch nur mit den Schultern während sein Blick zu Margas Augen wanderte.
„Gut.“
Ohne dass Phoenix einen Spruch gesagt hätte oder irgendwelche Bewegungen ausgeführt hätte, begann die Feder plötzlich stärker zu leuchten. Das Licht schien sich jedoch kondensiert zu sammeln und der schützende Kreis, der sie umgeben hatte, wurde immer schmaler. Die Augen, die sich Marga vors Gesicht hielt, begannen ebenfalls zu leuchten. Die Haare verschwanden zusehends bis nur noch das Blau übrig war.
Der Schutzkreis umfasste nun nur Phoenix und Marga. André war wieder zu Boden gesunken und ertrug mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schnittwunden, die ihm erneut zugefügt wurden.
Die Augen leuchteten mehr und mehr. Dabei wurden sie außerdem wärmer, bis sie so heiß waren, dass Marga es nicht mehr aushalten konnte. Selbst wenn das bedeutete, dass der Fluch nicht gebrochen werden konnte, sie würde lieber mit was auch immer sich in ihrem Gesicht befand herumlaufen als ihre zweite Hand ebenfalls zu verlieren.
Allerdings begannen ihre Augen zu schweben und kamen langsam auf ihr Gesicht zu. Sie widerstand der Versuchung zurückzuweichen und schloss stattdessen die Augen. Das Licht nahm eine noch höhere Intensität an, sodass es rot durch ihre Lider schimmerte. Plötzlich fühlte es sich an als würden ihre Augen in Flammen stehen. Die Hitze, wegen der sie ihre Augäpfel losgelassen hatte, fraß sich durch ihren Schädel. Sie konnte sich nicht zurückhalten und schrie auf. Dass sie zu Boden gegangen war bemerkte sie erst als sie den kalten, steinigen Boden des Raumes unter ihrer Hand spürte. Über ihre eigenen Schreie hörte sie nun auch André, der sich anscheinend nicht mehr zurückhalten konnte.
Der Schmerz war so schnell verschwunden wie er gekommen war und ließ sie nach Luft schnappend auf dem Boden zurück. Auch Andrès Schreie waren verstummt. Marga zwang sich die Augen zu öffnen, um herauszufinden wieso.
Das erste was sie sah war der Wachmann, der sie erleichtert ansah. Er war ebenfalls auf dem Boden zusammengesackt und gerade dabei sich aufzurappeln. Neue Schnittwunden bedeckten seinen Körper, so als wäre er durch ein Labyrinth aus Schwertern gelaufen. Der Gesamteindruck war verstörend.
„Hier.“
Phoenix hielt ihr eine Hand hin und zog sie auf die Beine. Mit der anderen Hand hielt sie die Feder wieder in die Höhe und hielt damit das tote Licht auf Abstand. Sobald sie auf den Beinen war und überprüft hatte, dass ihr lila Samthut noch an seinem Platz war, nahm Marga den Starb wieder in die Hand.
„Und? Sind meine Augen an Ort und Stelle?“
„Ja“, sagten Phoenix und André wie aus einem Munde.
„Sagt ihr mir jetzt wie ich vorher aussah?“
Die beiden sahen sich an. „Nein“, sagte André und Phoenix schüttelte den Kopf.
Seufzend stützte Marge sich auf ihre neue Waffe. Den Regenschirm hatte sie sich an den Arm gehängt. Ihn dort zu sehen brachte sie allerdings auf eine Idee.
„Du hast die Feder. André hat seinen Säbel. Ich habe meinen Regenschirm. Wer will den Starb?“
„Ich denke du solltest ihn behalten“, meinte Phoenix. „Bei solcher Magie weiß man nie was sie für Auswirkungen haben könnte. Eventuell trifft der Fluch jemand anderen wenn der versucht den Starb zu nehmen obwohl du ihn aus dem Altar gezogen hast.“
Sie hatte Recht. Jetzt wo sich Marga den Stein genauer ansah bemerkte sie, dass seltsame Runen eingraviert waren. Falls sie den Fluch enthielten war dieser hier wesentlich stärker gewesen als der, der ihre die Hand genommen hatte. Das machte es umso beeindruckender, dass Phoenix‘ Feder ihn hatte lösen können – und umso ärgerlicher, dass es bei der Hand nicht funktioniert hatte und auch André nicht geholfen werden konnte.
„Kannst du dann meinen Regenschirm mit dem Starb verbinden?“
Dieser Geistesblitz war ihre gerade erst gekommen. Wenn das nicht möglich war, würde sie vermutlich ihren Regenschirm weiterhin benutzen wollen. Phoenix sah jedoch nachdenklich aus.
„Das müsste funktionieren. Sofern du mit dem Starb umgehen kannst. Den kann man mehr oder weniger an- und abschalten. Wenn du jemandem nur einen Schlag versetzt ohne ihn ernsthaft verletzen zu wollen, funktioniert er wie ein normaler Stab. Willst du wirklich kämpfen entwickelst er magische Eigenschaften.“
„Das hört sich genau nach dem an was ich brauche.“
Wäre es anders, hätte sie sich das nochmal überlegt. Dazu kam der Regenschirm zu oft zum Einsatz um anderen Leuten eins überzubraten.
„Vielleicht sollten wir den Raum zuerst verlassen“, schlug Phoenix jedoch vor.
Sie deutete auf eine Öffnung, hinter der man eine Treppe erahnen konnte. Es schien der einzig andere Ausgang zu sein und zum Auzug würden sie nicht zurückkehren. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Fast erwartete Marga, dass das tote Licht einen letzten Versuch unternehmen würde sie zu erreichen, doch alles blieb still.
Es stellte sich bald heraus, dass die Treppe vom selben Licht umgeben war. Phoenix tippte die unterste Stufe jedoch mit der Feder an und um sie herum erstrahlte das lebendige Licht. Dieses Mal schien es nicht nötig zu sein die Feder in die Höhe zu halten, denn als nächstes tippte Phoenix mit ihr nacheinander den geblümten lila Regenschirm und den Starb an, woraufhin die Konturen von beiden verschwammen, um dann ineinander überzugehen.
„Jetzt hast du einen magischen Regenschirm“, meint Phoenix mit einem ironischen feierlichen Ton.
„Der Vorteil ist, dass man es dem Teil nicht ansieht“, stellte André fest.
Im Treppenlicht machten sie sich an den Aufstieg.

Freitag, 5. Dezember 2014

35. Kapitel



Schnell liefen sie durch den verlassenen Gang auf den türlosen Türrahmen zu, um rasch hineinzuschlüpfen. Marga verschwand durch die Öffnung und verschwendete keine Sekunde damit sich nach den anderen umzusehen und somit kostbare Sekunden zu verschwenden. Auch das hier war genial eingerichtet. Wer würde auch vermuten, dass sich der Geheimgang ausgerechnet in dem Gang befand, der nicht einmal eine Tür besaß?
Der Wachmann in seinem mottenzerfressenen Mantel drückte sich dicht an die Wand. Seine Hand war um einen Säbel geschlossen, den sie im Vorbeigehen aus einer verlassenen Waffenkammer hatten mitgehen lassen. Des Weiteren hatte Phoenix Margas und ihren Rucksack auf dem Rücken und sie hatten in der Burgküche alles mitgehen lassen was nicht niet- und nagelfest gewesen war, auch wenn einiges davon nicht gerade essbar aussah.
„Los, weiter“, ermunterte Marga ihn. „Die Geheimtür ist noch ein ganzes Stück weiter hinten.“
Entschlossen ging sie weiter. Die Hand, die es sich wieder in ihrer Brusttasche bequem gemacht hatte, hielt den kleinen Schlüssel fester.
Der Gang kam ihnen ewig vor. Immer wenn ein Gang rechts abzweigte nahm Marga ihn, während die anderen ihr mit verwirrtem Gesichtsausdruck folgten. Das Ganze hatten sie schon mindestens zehnmal gemacht, als sich der Wachmann zu Wort meldete.
„Waren wir nicht eben schon einmal in diesem Gang?“, fragte er. „Der Boden, die Anordnung der Fackeln, ja sogar die Wände kommen mir bekannt vor!“
„Natürlich kommen sie dir bekannt vor. Wir sind im Kreis gelaufen“, erklärte Marga. „Das ist auch ganz richtig so. Wenn es einfach wäre den Raum zu finden, wäre er schon längst entdeckt worden. Man muss etwas anders denken als gewöhnlich wenn man hier weiterkommen will.“ Deshalb war sie die perfekte Person für diese Aufgabe. „Wir sind da.“
Sie hielten vor einer großen, hölzernen Tür, die sich von der Farbe her kaum von den Wänden unterschied und so von den Wänden kaum zu unterscheiden war und so beinahe mit diesen verschmolz.
„Die ist aber gut getarnt…“ bemerkte Phoenix.
Marga nahm die Hand aus der Tasche und setzte sie in eine Nische in der Wand. Das Händchen ließ die Gelenke seiner Finger knacken und steckte den Schlüssel in ein für den Rest der Gruppe unsichtbares Schlüsselloch. Marga hörte wie der Schlüssel in der Wand gedreht wurde. Dann kroch ihre Hand wieder aus der Nische und ließ sich artig von Marga in die Tasche der Robbe zurücksetzen.
Vor ihnen war die Wand zur Seite geglitten und hatte eine Treppe entblößt, die in die Tiefe zu führen schien. Es war stockfinster dort unten, düster, dunkel und unheilvoll, denn der Keller schien das Licht der Fackeln, das von hier nach unten schien, zu absorbieren und in sich aufzunehmen und zu verschlingen bis nichts mehr davon übrig blieb und im Keller eine lichtlose, undurchdringliche Schwärze herrschte.
„… hat noch jemand von euch das Gefühl, dass es dort unten wirklich dunkel ist…?“, fragte der Wachmann.
„Es ist nur dunkel solange man sich davor fürchtet“, sagte Marga fest.
Mit ihrer linken Hand schraubte sie eine der Fackeln gegenüber der Tür aus ihrer Halterung und ging voran. Die Schritte hinter ihr und die tanzenden Lichter von zwei weiteren Fackeln zeigten ihr, dass die anderen beiden ihrem Beispiel gefolgt waren. Hinter ihnen schob sich die Tür wieder vor die Öffnung. Weiter und weiter führte die Treppe in die Tiefe. Marga hatte irgendwann aufgehört zu zählen wie viele Stufen und Windungen sie bereits hinter sich hatten. Sie war nur erleichtert als die Treppen endlich ein Ende fanden.
Auf der anderen Seite des Ganges befanden sich die Türen eines Auzugs. Die Türen waren aus dunklem Holz, das mit goldenen Verzierungen überzogen war. Diese waren jedoch vom Alter und dem Staub hier unten fast schwarz geworden. Marga streckte die Hand nach dem Knopf aus, der den Auzug rufen würde, doch der Wachmann hielt sie zurück.
„Lassen Sie mich das machen. Immerhin würde ich ohne Sie noch immer in einem Schrank hocken. So gruselig es hier unten auch sein mag, dieser Geheimgang ist unsere beste Chance aus der Burg zu entkommen.“
Er drückte auf den Knopf. Ein durchdringendes Pling! ertönte und ein Rumpeln kündigte an, dass sich der Auzug in Bewegung gesetzt hatte. Gleichzeitig schrie der Mann auf und taumelte zurück. Seine Fackel ließ er fallen und Marga sprang sofort einen Schritt zurück, um der Flamme auszuweichen. Sein Körper schien sich zu grotesken Formen zu verzerren. Durch die Fackel auf dem Boden tat es ihm sein Schatten an der Wand gleich. Beine und Arme verformten sich bis der Mann sich nicht mehr rührte, sondern nur keuchend auf dem Boden lag.
Einen Moment lang geschah nichts. Dann stemmte er sich mühsam in den Vielfüßlerstand. Er hatte nun unweigerlich Ähnlichkeit zu Margas abgetrennter Hand. Sein Kopf war unnatürlich verdreht und als er versuchte zu laufen bewegten sich seine Gliedmaßen ähnlich wie die Beine einer Spinne. Der zerfledderte Mantel flatterte bei jedem Schritt und bei jedem Zweiten wurde die Unterhose entblößt, die der Wachmann als einziges Kleidungsstück außer dem Mantel immer noch trug.
„Gut, dass Sie den Knopf nicht angefasst haben“, stellte der Mann fest. Traurig sah er auf seine krummen Beine.
„Das bekommen wir schon wieder hin“, versuchte Marga ihn zu trösten. „Sobald wir hier herausgekommen sind, finden wir jemanden der die Flüche aufheben kann. Wer weiß, vielleicht ist es noch ganz nützlich so herumzulaufen.“
Der Wachmann sah sie zweifelnd an.
„Denken Sie an meine Hand“, erinnerte Marga ihn. „Wenn ich nicht von einem Fluch getroffen worden wäre, wären wir gar nicht hier.“
Er sah nicht besonders überzeugt aus.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte Marga. „Wenn wir zusammen in einen Horrorauzug steigen, der seinem Namen vermutlich alle Ehre machen wird, sollten wir zumindest den Ihren ebenfalls wissen.“
Diese Frage war so absurd, so banal normal, dass Marga fast nicht darauf gekommen war. Allerdings dachte sie, dass man in der Lage sein sollte einander beim Namen nennen wenn man sich zusammen in einen Geheimraum wagte.
„André“, sagte der Wachmann. „Ich würde sagen nett Sie kennenzulernen, aber die Situation lässt das nicht unbedingt zu.“
Dennoch hielt er ihr eine verdrehte Hand hin, die Marga mit ihrer verbliebenen schüttelte.
„Schön Sie kennenzulernen.“
Damit stieg sie in den Auzug und sah die anderen erwartungsvoll an. Diese standen zögernd im Gang. Vielleicht lag es daran, dass es im Auzug keine Knöpfe gab, sondern verschrumpelte und offensichtlich echte, menschliche Köpfe an der Wand angebracht waren. Insgesamt gab es drei Sitze sowie eine Menge Köpfe und Hebel. Außerdem war der Auzug beleuchtet, sodass sie ihre Fackeln löschen konnten. André fasste als erster Mut. Außerdem verdrehte er sich, um an den Kopf für das die unterste Etage zu kommen. Phoenix schloss sich ihnen an.
„Fertig?“, fragte der Wachmann.
„Nicht wirklich. Aber besser runter als zurück zu dem verrückten Nagetier, nicht wahr?“, seufzte Phoenix.
„Ich hätte es nicht besser sagen können.“
André zog einen Kopf an den schwarzen Haaren, woraufhin dieser sich senkte. Die Türen des Auzugs schlossen sich, das Rumpeln setzte erneut ein und schon bewegte sich das Gefährt weiter in die Tiefe. Für einen Moment schien alles in Ordnung zu sein. Dann jedoch gab es einen Ruck, der alle im Auzug übereinander fallen ließ und das Gefährt raste in die Tiefe.
Marga fühlte sich als würde sie unendlich lange fallen. Ihr Magen schlingerte wie ein unerfahrener Eisläufer in der Kurve und sie schloss die Augen in der Hoffnung, dass es helfen würde den Schwindel zu vertreiben. Das tat es nicht.
„Drück den Notkopf! Jetzt!“, schrie Phoenix.
André schaffte es irgendwie sich so zu verrenken, dass er an einem Kopf mit feuerroten Haaren ziehen konnte, den Marga ebenfalls als Notkopf eingestuft hätte. Es gab ein langgezogenes Quietschen, das sich anhörte wie Fingernägel auf einer Tafel, dann kam der Auzug langsam zum Stehen.
Alle rappelten sich auf und klopften sich den Staub von den Robben. Der Wachmann tätschelte der älteren Dame neben sich beruhigend die Hand, die ängstlich und zitternd auf dem Boden hockte und Marga beim Sturz aus der Robbentasche gefallen war. „Na, na, Hand. Das wird schon wieder. Obwohl der Auzug seinem Namen alle Ehre macht.“
Das Licht im Auzug flackerte und gab dann den Geist auf. Sie sah sich in der Dunkelheit um, ob sie etwas im Dunkeln sah, aber um sie herum herrschte nur Dunkelheit. Zuerst wünschte Marga sich sie hätten ihre Fackeln angelassen. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie vermutlich nun am Boden gelegen hätten und davon ausgegangen wären, dass sie mit den Robben darauffielen. Da war ihr ein dunkler Auzug lieber als Brandlöcher in der Robbe.
Hinter ihr hatte Phoenix die Initiative ergriffen und ihre Fackeln wieder zum Leuchten gebracht. Im Licht der Flammen sahen die Köpfe noch gruseliger aus als vorher, da sich tiefe Schatten in die Falten und Furchen ihrer Gesichter gruben.
„Ich müsste es schaffen die Tür aufzubekommen“, meinte André.
Er schaffte es seine Finger in den Spalt zwischen den Auzugtüren zu bekommen und sie mit Hilfe seiner deformierten Arme aufzustemmen. Sie waren tatsächlich in der Nähe eines Stockwerks gelandet, denn nur der obere Teil der Türöffnung war von einer Wand verdeckt. Durch den unteren Teil müssten sie sich zwängen können. Allerdings schien es etwa zwei Meter nach unten zu gehen.
André schob zuerst seinen Säbel durch die Öffnung, sodass dieser mit einem metallischen Scheppern auf dem Boden darunter landete. Dann hievte er sich selbst aus dem Auzug, um Marga und Phoenix aufzufangen als sie ebenfalls das gefährliche Transportmittel verließen. Ein Blick auf die Stockwerksanzeige ließ sie erkennen wie knapp sie dem Tod entronnen waren.
„Wir befinden uns im untersten Stockwerk“, bemerkte Marga. „Wie gut, dass der Auzug rechtzeitig stehen geblieben ist. Ach, wie spät ist es eigentlich?“
„Es war früher Nachmittag als wir losgegangen sind“, meinte André. „Mittlerweile müsste es später Abend sein.“
„Danke.“
„Igitt!“, wurde Marga unterbrochen.
Phoenix hatte die Fackel weiter in den Gang gehalten, der tiefer in die Geheimkammer führte. Eine eklig anmutende, dickflüssige Substanz klebte an den Wänden und bildete eine winzige Passage, durch die sie sich würden zwängen müssen. Es erinnerte sehr an die Warzen, die sie gestern hatten durchqueren müssen.
„Keine Sorge.“
André trat vor und säbelte Eiter, um den Weg freizumachen. Marga war dankbar dafür ihm nur dabei zusehen zu müssen. Es war immer noch eklig sich nun durch die gelbe Pfütze zu zwängen während man darauf bedacht war die Robben hochzuhalten, um sie nicht mit Eiter zu beschmutzen.
„Das erinnert mich sehr an den Weg zum Thronsaal“, meinte Marga. „Schaut mal, da vorne gibt es sogar eine ähnliche Tür!“
Die Tür direkt vor ihnen sah der Tür zum Thronsaal des Hamsters wirklich zum Verwechseln ähnlich. Nur von der Farbe her war sie, zumindest im Fackellicht, dunkler. André begann sie aufzuschieben und ein unheimliches Licht empfing sie.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

34. Kapitel



Marga erwachte als ein Jammerjunge in den Raum huschte und das Feuer im Ofen neu schnürte. All seine Kleidung war so grau wie die Asche und seine Füße waren bar. Er wickelte einen Draht um die Flamme und zog ihn hin und her bis die Flamme wieder hoch aufloderte. Dann schnürte er den Draht zu und rieb sich die Hände, die seltsamerweise nicht verbrannt waren.
Als er sah, dass er sie geweckt hatte, verbeugte er sich kurz und verschwand dann durch die Tür. Sie wartete darauf das vertraute Geräusch des sich drehenden Schlüssels zu hören, doch dieses Mal blieb die Tür geöffnet. Dann dürften sie sich jetzt wohl nach dem Geheimraum umsehen.
Langsam kroch Marga unter ihrer Robbe hervor, die immer noch schlief und deren Pelz sich langsam hob und senkte. Auch Phoenix war noch am Schlafen. Deshalb machte sie sich daran das Zimmer zu erkunden. Zu mehr als die Daumenbettwäsche zu entfernen war sie gestern nicht mehr fähig gewesen.
In einer Ecke des Raumes war ein kleines Bücherregal angebracht. Man musste sich bücken um es zu erreichen, doch Marga zog es magisch an. Sie ging in die Hocke und zog eines der Bücher heraus, doch bevor sie es auch nur aufschlagen konnte, fuhr ein brennender Schmerz durch ihre Hand.
Marga schrie auf und taumelte zurück. Phoenix setzte sich augenblicklich auf und Margas Robbe fiel vor lauter Schreck von der Matratze.
„Was ist passiert?“, fragte Phoenix schlaftrunken.
Marga fasste mit ihrem rechten Handgelenk nach ihrer rechten Hand. Diese befand sich nämlich leider nicht mehr dort wo sie hingehörte, sondern lag auf dem Boden. Es gab weder Blut noch tat es besonders weh, denn wo eigentlich entweder eine Hand oder eine Wunde sein sollte war nur glatte Haut.
„Ach du liebe Güte! Da hat mich wohl ein Fluch getroffen.“
Mehr interessiert als entsetzt musterte sie ihre Hand, die ihr fröhlich zuwinkte.
„Was?!“
Phoenix war nun auch aus dem Bett. Marga ging auf sie zu, während ihr abgetrenntes Körperteil hinter ihr herlief wie ein Händchen, das seinem Besitzer folgte, wohin auch immer er gehen mochte. Dabei lief es auf allen fünf Fingern, was der Hand ein spinnenähnliches Aussehen verlieh.
„Marga… deine Hand!“
Phoenix starrte entsetzt auf das Händchen, das nun mit den Fingern wackelte und dann versuchte am herunterhängenden Zipfel von Phoenix‘ Robbe auf die Matratze zu klettern.
Marga hob ihre eigene Robbe auf und warf sie sich um. Dann hielt sie ihrem verlorenen Körperteil die Hand hin, die noch mit ihrem Arm verbunden war. Die Hand zögerte kurz und krabbelte dann auf ihren Arm und auf Margas andere Hand. Marga steckte sie in eine Tasche der Robbe, in der Hoffnung, dass sie dort sicher war.
„Braves Händchen. Was für ein Glück, dass ich beidhändig bin, nicht wahr?“, meinte Marga freundlich und kraulte die Hand in ihrer Tasche am Mittelfinger. „Allerdings hoffe ich schon, dass ich die bis zum November wiederhabe. Mit einer Hand zu schreiben ist nicht ganz einfach.“
Phoenix starrte sie immer noch entgeistert an. Marga wollte versuchen sie zu beruhigen. Das hier war nur ein schwacher Fluch. Die richtig fiesen brachten Opfergaben mit sich, tiefschwarze Magie und Rituale. Es war nicht damit getan nur ein verfluchtes Buch anzufassen. Und selbst falls ihre Hand bis zum November nicht an ihrem angestammten Platz sein würde, wären die Nonnen im Kloster der Wunder gewiss bereit ihr ein Wunder zu überlassen sobald sie wieder gesund waren.
Bevor sie jedoch auch nur eine ihrer Schlussfolgerungen teilen konnte, ertönte ein unheimliches Rascheln in der hinteren Ecke des Raumes.
„Das kam aus dem Kleiderschrank“, stellte Marga fest. „Ich gehe mal nachsehen.“
„Bist du sicher, dass du noch etwas anfassen willst?“, fragte Phoenix zweifelnd.
Marga zuckte nur mit den Schultern. „Besser ich als du. Eine von uns sollte voll funktionsfähig bleiben. Wenn du mich fragst sollte das diejenige mit den agileren Gliedmaßen sein.“
Wobei das momentan sie war. Wer konnte schon von sich behaupten seine Hand meterweit von sich strecken zu können? Dass diese dabei selbstständig war, stellte eventuell ein kleines Problem dar, aber Marga konnte durchaus Vorteile erkennen.
Ohne zu zögern ging sie zum Schrank hinüber und öffnete die Tür. Dann grinste sie sich um und lächelte Phoenix zu.
„Das ist nur ein Mann in Unterhose. Nichts Gefährliches.“
„Ein… was?“
Phoenix war nun endgültig wach und starrte in den Kleiderschrank. Marga vermutete stark, dass es sich bei dem leicht bekleideten Mann um den Wachmann von gestern handelte, der nur knapp den Krokodielen entkommen war. Dafür sprach, dass er den Finger an die Lippen gelegt hatte und sie mit flehendem Blick ansah.
„Bitte, verratet mich nicht. Der Hamster lässt mich sonst umbringen!“
„Natürlich nicht“, versicherte Marga ihm.
Sie machte den Fehler zu versuchen ihm beruhigend den Arm zu tätscheln, wobei sie vergaß, dass ihr einer Arm nun in einem Stumpf endete. Die Augen des Wachmanns wurden noch größer und ähnelten schließlich Tellern als die Hand einige Finger aus der Tasche steckte und ihm freundlich zuwinkte.
„Sie wissen nicht zufällig wo sich der Geheimraum im Schloss befindet?“, fragte sie höflich, den Gesichtsausdruck des Mannes ignorierend.
„N-nein“, stammelte der Wachmann, immer noch auf das Händchen starrend.
„Das ist ungeschickt.“
Die anderen beiden schienen immer noch in Schock zu sein. Ihnen jetzt mit Theorien zu kommen wo man nach der Geheimkammer suchen könnte würde sie bestimmt überfordern. Also schlenderte Marga stattdessen zum Fenster, um sich einen Überblick zu verschaffen. Draußen sah sie etwas, das sie sofort ablenkte.
„Wer ist das?“, fragte sie.
Der Mann, scheinbar dankbar sich nützlich machen zu können, hievte sich aus dem Schrank. Er blickte ebenfalls hinunter auf die schmale, hagere Gestalt, gehöllt in einen Wolledermantel, die eine ganze Horde Kinder herumzukommandieren schien.
„Das ist Lucy“, erklärte er. „Sie ist für die Kinder zuständig, die als „Salat des Bösen“ geboren wurden.“
„Salat des Bösen?“, fragte Marga interessiert. Tatsächlich sahen die meisten der Kinder nicht sonderlich vertrauenswürdig aus. Ihre Handtasche würde sie ihnen jedenfalls nicht überlassen.
„Ja. Der Wortsalat, den sie schreiben ist…“ Er schauderte. „Wirklich abgrundtief böse. Das ist die Geheimwaffe des Hamsters, die Waffe gegen Plotbunnys. Sobald sie den Wortsalat essen, den diese Kinder fabrizieren, werden sie vergiftet und sterben daran.“
„Könnte das ein Mittel sein, um die Plotbunnys loszuwerden?“, fragte Marga.
Ausgerechnet hier ein alternatives Mittel gegen die Plage zu finden war unerwartet. Allerdings behagte es ihr nicht bei dem Gedanken Lucy und den Salat des Bösen zur Bekämpfung der Bunnys zu nutzen. Etwas an ihnen war einfach falsch.
„Oh nein!“ Der Wachmann bestätigte ihr Bauchgefühl. Er sah geradezu schockiert aus. „Das ist eine durchaus böse Methode. Niemand bei Verstand sollte sich mit Lucy anlegen.“
„Wickeln Sie sich besser in die Daumendecke“, schlug Marga vor. „Ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen ziemlich kalt geworden ist wenn Sie die ganze Nacht in unserem Schrank gehockt haben.“
„Ich wusste, dass man Sie einschließen würde“, meinte der Mann. „Demnach schien mir dieses hier das sicherste Zimmer zu sein.“
„Phoenix, meinst du die geben uns Kleidung wenn wir danach fragen?“
Ihre Kameradin sah ein wenig verunsichert aus. „Wir können es ja versuchen…“
„Gut, dann ist das unsere erste Station. Danach sehen wir uns in der Burg um. Vielleicht finden wir ja einen Hinweis auf den Geheimgang.“
„Der Hamster befiehlt uns alle paar Monate danach zu suchen, aber niemand hat ihn bisher gefunden“, sagte der Wachmann. „Wie können Sie so optimistisch sein? Vor allem wenn Sie gerade Ihre Hand verloren haben!“
Er schielte erneut auf die Hand, die nun spielerisch an ein paar Haaren der Robbe zupfte. Marga lächelte nur erneut. Ihrer Erfahrung nach war Optimismus niemals unangebracht. Manchmal führte eine gute Portion davon dazu, dass genau das geschah, worauf man gehofft hatte.
Nachdem sie einige Wachen gefragt hatten wie sie zum Hofschneider kamen und diese, offensichtlich verwirrt von der Frage, stotternd Wegbeschreibungen zustande gebracht hatten, fanden sie den gesuchten Raum.
Dominiert wurde der Raum von Schwarz- und Grautönen. Es war generell eine sehr dunkle Atmosphäre, in der Marga mit ihrer schneeweißen Robbe leuchtete wie eine Fackel. Ihre blumige Kleidung zog ebenfalls sofort die Blicke des Schneiders auf sich, der ihre lila Bluse und die blau gemusterte Hose ansah als seien sie rosarote Plotbunnys, die sich zwischen seine Kreationen verirrt hatten.
Auch die Frau, der er gerade mit ein paar Nadeln das Kleid, das sie trug, auf eine vernünftige Länge absteckte, sah angeekelt auf sie herab.
„Welchen Stoff hätten Sie gern für den Saum, Madenmoiselle?“, fragte der Schneider.
Nun erst sah Marga, dass die Haare der Frau, die sie zuerst für weiße, dicke Stränen gehalten hatte, Maden waren.
„Dieser Stoff ist in Ordnung. Aber vergesst nicht, immer die Nähte zu prüfen, nicht, dass da irgendwelche schattigen Gestalten wohnen. Die schattigsten Gestalten tauchen immer in der Naht auf und ich will schließlich nicht verflucht werden.“
Der Schneider nickte ernst und machte sich sofort daran jede Naht des Kleides abzutasten.
„Und fragen Sie was die da wollen“, flüsterte Die Madenmoiselle und deutete auf Marga und Phoenix. „Dann gehen sie vielleicht schnell wieder. Von der Robbe wird mir ganz anders.
Kurze Zeit später verließen sie den Schneider mit einem fleckigen alten Mantel über dem Arm. Es war nicht perfekt, doch bestimmt würde der Wachmann diesen Mantel der Option vorziehen fast nackt herumzulaufen. Der Wachmann zeigte sich wirklich dankbar als sie ihm ihre Ausbeute übergaben und Marga musste zugeben, dass sie ebenfalls erleichtert war als die Unterhose aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Die Hand in ihrer Tasche bewegte sich plötzlich. Sie versuchte anscheinend aus der Robbe zu krabbeln, schaffte es aber nicht ganz sich zu befreien.
„Moment, Kleine. Das haben wir gleich.“
Marga kramte in der Tasche nach ihrer Hand. Vorsichtig, um sie nicht zu verletzten, nahm sie das Händchen heraus und setzte es auf den Boden.
„Und nun?“
Die anderen zwei sahen sie mit dem Blick an, der ihr langsam nur allzu bekannt vorkam. Die Hand ließ sich davon jedoch nicht einschüchtern, sondern ging zum Bücherregal hinüber, die sie ins Leben gerufen hatte. Entschlossen nahm Hand das Buch in die Hand, an dem Marga sich heute Morgen den Fluch eingefangen hatte.
Als Marga versuchte das Buch ebenfalls zu berühren, schlug ihre Hand ihre Hand zur Seite und wedelte drohend mit dem Zeigefinger.
„Du willst dir doch die andere Hand nicht auch noch abfluchen lassen!“, rief Phoenix entsetzt.
Da war etwas Wahres dran. Also wartete Marga ab was ihre Hand vorhatte. Diese schien einige Schwierigkeiten damit zu haben die Seiten des Buches umzublättern, doch schließlich hielt sie bei einer Seite inne. Marga beugte sich über die Wörter und begann zu lesen.
„Braves Händchen!“, lobte sie als sie am Ende der Seite angekommen war.
„Was hat sie gefunden?“, fragte Phoenix zweifelnd.
„Das Buch, in dem der Geheimgang erwähnt wird. Kein Wunder, dass den nie jemand gefunden hat. Wenn jeder seine Hand verliert, der dieses Buch anfasst, hat keiner das Bedürfnis es zu lesen. Alle denken nur daran wie sie ihre Hand wiederbekommen können. Dabei ist genau das der Schlüssel zum Buch.“
Wenn man es so sah, war der Schutz des Buches genial. Nur ihre Hand war schlauer gewesen. Diese hatte ihre Heldentaten für heute noch nicht beendet und klappte das Buch zu, nur um aus dem hinteren Teil einen winzigen, silbernen Schlüssel zu ziehen und triumphierend zu schwenken.
„Braves Händchen“, sagte Marga erneut und kraulte die Hand an der Handfläche.
Die Blicke, die sich Phoenix und der Wachmann hinter ihrem Rücken zuwarfen und die eindeutig fragten ob sie noch alle Tassen im Schrank hatte, bemerkte sie nicht.